20 August 2024

Buenos Aires - Teil 2

Buenos Aires zeigt sich weiterhin von seiner besten Seite. Viel grün, tagsüber viel los in den vielen Parks und angenehmes Gewusel in den Straßen, aber nicht so sehr, dass man sich beengt fühlt. Nachts weiterhin so einiges Treiben auf den Straßen und von den Parks verlegt das Leben in die Bars, Klubs und Restaurants.

Eines abends ziehen wir auch ziemlich lange um die Häuser und zumindest was Vielfalt an Klubs angeht, scheint auf den ersten Blick eine Menge los zu sein. Und so finden wir einige echt coole Locations mit gutem Flair.

Einen anderen Abend sind wir auf einer Show [glaube war Salsa], wo jede Woche mehrere unterschiedliche Dirigenten dirigieren. Die war schon echt beeindruckend. Also Kultur hat die Stadt auch zu bieten. Und die Veranstaltung ist scheinbar jede Woche richtig gut besucht, die fand auf einem großen Innenhof statt und der war gut gefüllt, trotz Eintritt. Aber völlig zu recht.

Einen anderen Abend bergen Marie und ich einige Holzlatten die neben einer der vielen Mülltonnen entlang der Straße lagern und wollen Flo damit einen großen Rahmen basteln. Leider scheitert das Projekt am Werkzeugmangel. Die Müllabfuhr kommt hier klugerweise übrigens nachts. Damit stehen die nicht im Stau und verursachen auch weniger Stau.

Also irgendwas is immer los.

 

Hmmm, sollte Flo mal umziehen wollen, müsste der Affenbrotbaum auf ihrem Balkon wohl da bleiben. Aber die Wohnung is sowieso ihre, also warum umziehen?

Auf dem Nachbargrundstück wird ein neues Hochhaus gebaut. Dazu buddeln sie erstmal so locker drei Stockwerke tief... Naja die wissen bestimmt was sie tun, wird schon nix passieren, der Bausubstanz drumrum... Einen Abend während ich vor der Tür auf jemand mit Schlüssel warte, beobachte ich die Bauarbeiter wie sie so bestimmt eine halbe Stunde zu zwölft(?) versuchen, eine Schlaufe die sie vorher um die Oberleitungen gebunden haben, um sie von den Kippern wegzubugsieren, wieder zu entfernen. Mit selbstgenagelten Hakenstangen oder zwei halten eine Leiter einer klettert hoch oder beschwerte Wurfseile... Erstaunliche, spannende Show, aber steigert auch nicht wirklich mein Vertrauen in ihre Sicherheitsbedenken oder Weitsicht... Allerdings ordentlich Bonuspunkte für Kreativität und Ausdauer

Hier nochmal ein Blick auf die Dachterrasse der ehemaligen Geschlossenen gegenüber von Flos Wohnung... ich konnte nie genau herausfinden, was die paar Bewohner da abends auf dem Dach machen... wahrscheinlich einfach nur chilln


Inzwischen wird unser Geld immer weniger und Marie und ich nutzen einen unserer täglichen Spaziergänge durch die Stadt um sämtliche Bankunternehmen abzuklappern. Die meisten wollen uns gar nichts auszahlen. Wir fragen mit Flos Hilfe in den Banken nach Optionen, da sie ja das Geschehen vor Ort und die Fachworte besser kann und kennt als ich. Überall nur Kopfschütteln. Geld gibt es meist nur für Kunden der Bank und auch da nur begrenzt. Argentinien hatte [ich glaube 2009] einen großen Bank-Run, der das Land in eine Finanzkrise gestürzt hat, weil alle Leute ihr Geld abheben wollten und plötzlich war das Geld alle, weil die Banken keins mehr hatten. Der Wirtschaft geht es wieder schlecht, also ist diesmal der Plan einfach den Kunden nur ganz wenig Geld auszuzahlen und Ausländern schon gar nicht. Stürzt das Land auch in eine Finanzkrise, aber man muss ja kreativ bleiben. Bei zwei Banken könnten wir Geld abheben, aber nur homöopatische Mengen mit richtig saftigen Gebühren. Und selbst wenn uns das egal wäre mit den Gebühren, könnten wir wahrscheinlich nur einmal pro Tag und Bank abheben und das würde immer noch nicht reichen.

Wir gehen zu Western Union. Die haben zwar offen aber können kein Geld von ausländischen Konten nach Argentinien transferieren. Oha, Western Union geht nicht? Habe ich zumindest vorher noch nicht gehört.

Flo hat eine weitere Idee: Leonel hat ja noch ein Konto. Wir versuchen von seinem Konto Geld abzuheben und überweisen es ihm online. Stimmt, damit habe ich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich will hier jetzt keine Werbung für den Service machen, aber wenn mal wer Geld intertnational überweisen muss, fragt mich einfach. Also logge ich mich ein. Jawoll, ich kann argentinische Pesos auswählen. Ich gebe die Kontodaten ein und komme bis zu der Seite, wo ich nur noch "bestätigen" drücken müsste.... Die Seite informiert mich, dass es seit kurzem nicht mehr möglich ist Geld nach Argentinien zu überweisen und sie auch nicht wissen wann es wieder ginge. Well, shit.

Flo hat noch eine Idee: Ich soll ihr den Gegenwert in Euro von meinem deutschen Konto auf ihr französisches überweisen. Und wenn einer ihrer Freunde aus Frankreich sie besuchen kommt, überweist sie ihm das vorher, die Person hebt es in Frankreich ab, nimmt es bar mit und tauscht es in Argentinien um.... Damit kommt sie zwar nicht sofort ran, aber immerhin hat sie dann etwas Geld in Devisen.

Achso ja und das mit Geld von Leonels Konto? Da gibt's ja auch nicht viel pro Tag. Aber auch hier gibt es einen Umweg zum Ziel. Wir heben den unrelevanten Betrag von der Bank ab und ziehen dann durch's Viertel und kaufen in den dortigen Supermärkten jeweils ein oder zwei Artikel [gen Ende hin hauptsächlich Bier, da wir irgendwann alle benötigten Lebensmittel uns Haushaltsrtikel haben], Leonel bezahlt mit Karte und lässt uns jeweils den Höchstbetrag Bargeld auszahlen [meist merklich mehr, als uns die Bank geben wollte]. Der Hund freut sich über das heute sehr ausgiebige Gassi gehen und am Ende haben wir doch so ein erquickliches Sümmchen zusammen, was uns über die restlichen Tage bringen sollte.

Ich frage mich, was die ganzen Touristen machen, die keine Freunde vor Ort haben.


Die Küche ist, wie alles hier sehr, winzig aber man kommt zurecht. Die Tür führt zum zweiten Hausaufgang.

Der Ausblick aus der Küche auf die Häuserschluchten. Da ist es vom Balkon zum Glück doch etwas schöner.

Die Stadt schafft es auf erstaunliche Weise sehr eng bebaut zu sein ohne beengt zu wirken... Vermutlich die vielen Bäume in den Straßen lockern alles ein wenig auf und verbessern gleich noch das Stadtklima

Zwischendrin überall kleine und auch mal größere Parks, zum flanieren oder einfach nur um aus der Wohnung zu kommen



Das Foto hierüber muss da kurz als Ersatz herhalten, da ich leider keins zum richtigen Zeitpunkt gemacht habe. Aber so ungefähr die Szenerie. Früher Abend und die Sonne steht bereits sehr tief, genau in Laufrichtung. Die Straße und Häuser sind in ein grelles Licht getaucht. Die Bäume werfen dunkle Schatten dazwischen. Alles wirkt fast schwarz weiß. Menschen wuseln, Verkehr verkehrt. Man muss sich ein wenig vor runter hängenden Kabeln in Acht nehmen und überall tropft es von den Fassaden. Die Tropfen glitzern im Sonnenlicht. Das ganze wirkt fast ein wenig dystopisch aber trotzdem irgendwie schön: Die Häuserschluchten, die vielfältige Treiben, das besondere Licht-und-Schatten-Spiel und dazu dieses unaufhörliche omninöse Getropfe der Klimanlagen. Hat was, ich genieße die Stimmung total.


In einigen größeren Park kann man die Stadt nur noch in der Ferne erahnen

Der ehemalige Zoo, jetzt kaum noch mit exotischen Tieren, dafür Plattformen um einheimische Vögel in den Bäumen zu beobachten...

...bzw andere Tiere die hier ursprünglich vorkommen und deshalb frei rumlaufen können... Wir beschließen, dass es sich hierbei um eine buenosairische Stadtratte handeln muss, deren Mutter eine Affäre mit einem Hund hatte, dessen Mutter eine Affäre mit einem Hasen hatte. Eindeutig, oder?


Aber dieser Zoo ist generell eine ziemlich tolle Geschichte. Bis vor einigen Jahren war das noch ein ganz normaler Zoo mit allen möglichen Tieren, eingepfercht in viel zu kleinen Käfigen ohne irgendwas artgerechtes zum Ablenken. Dann haben die Stadtbewohner dagegen protestiert, die Tiere unter so miesen Bedingungen zu halten. Also wurde der Zoo in einen Eco Parque umgebaut. Alle exotischen Tiere wurden zurück in die Natur geschickt. Jetzt sind von denen nur noch die Tiere da, die zu alt oder krank für die Reintegration in die Natur sind. Dafür gibt es jetzt nur einheimische Tiere, meist frei oder in sehr großen Gehegen mit sehr vielen Möglichkeiten für artgerechtes Verhalten und Möglichkeiten sich vor den Besuchern zu verstecken, wenn man keinen Bock auf die hat. Ich glaube eine weitere Ausnahme sind einige Tiere, die in ihrer Heimat in Argetinien sehr durch Jagd bedroht sind und deren Art kurz vor dem Aussterben is, da sie hier einfach sicherer sind. Aber generell sehr viel Park zum wandeln in schöner Umgebung und wer will, viel gute Information zu Ideen und Projekten. Schon ein paar Tiere aber die meisten stromern frei rum. Und das alles für lau.


Oijoijoi, wenn dir so'n Araucarienzapfen uffn Deetz fällt, denn is aba erstma Ruhe im Karton... oda dit Jeschrei is groß, je nachdem watte für'n Dickschädel hast

...und Kunst gibs auch im Zoo... Ein Armadillo... aus Gold ... aufm Autowrack ... Joaaa, warum nich, wa?

Hier ein eindeutiger Pluspunkt für Mexikostadt: Street Food. Also is nicht schlecht hier und ich habe mich total in Empanadas verguckt, aber das kommt einfach nich an Mexiko ran...


Dann ging es weiter zum einem nächsten Highlight auf das ich mich freute auf dieser Reise. Endlich würde ich den Atlantik von der Westseite aus betrachten. Bisher war ich schon an den Seitengewässern Golf von Mexiko und dem Karibischen Meer. Und auch wenn die im Westen des Atlantik sind, wäre das so, wie zu behaupten nach einem Besuch von Ost- und Nordsee wäre man am Atlantik gewesen. Flo meinte die ganze Zeit, da wäre nur der Rio de la Plata wo wir hingehen. Aber ich hatte ja vorher auf einer Karte nachgeguckt. Endlos viel Wasser, also ganz klar der Strand des Atlantik. Und so kamen wir am Wasser an, et voila...



Hmmm, sehr viel Wasser ja, aber irgendwie ziemlich ruhig und brackig... Und man sieht dahinten in der Ferne Land. Afrika? Man, müssen wir heute eine gute Sicht haben. Laut Flo is das Land nicht Afrika sondern Uruguay und vor uns der Rio de la Plata. Deshalb auch keine Wellen und Wasser voll Sediment. Wenn ich den Atlantik sehen wöllte, müsste ich noch ein ganzes Stückchen die Küste runter fahren.

Als ich später nachgucke, muss ich feststellen, Flo hatte recht. Da is zwar ganz viel Wasser aber ich hätte bei der Karte weiter rauszoomen müssen. Der Mündungstrichter des Rio de la Plata ist hier bereits 50km breit. Und wir sind hier noch ganz am Anfang des Trichters. Der wird noch viel, viel größer. Grade in Wikipedia nachgeguckt: Wird 220km breit. Und dabei noch was gelernt: Das was ich da vor mir hatte war nicht der Mündungstrichter des Rio de la Plata, sondern der Mündungstrichter ist der komplette Rio de la Plata und alle Zuflüsse in den Trichter heißen anders. Der Fluss ist damit nicht nur der breiteste Fluss der Welt, sondern mit seinen grade mal 290km länge, hat er bestimmt auch das unproportionalste Längen/Breiten-Verhältnis. Und er is erheblich kürzer als die Spree :)

Der Fluss ist den Gezeiten ausgesetzt. Und das hat einen Künstler zu einem Werk über die Desaparecidos [die Verschwundenen der Militärdiktatur] animiert. Da steht bei Ebbe ein Figur ein gutes Stück weit draußen im Schlick ganz einsam. Und bei Flut, wenn das Wasser kommt verschwindet die Figur. Endlich mal Kunst, die auch so ein Kulturbanause wie ich versteht.

Als nächstes gehen wir in eine Kunstaustsellung zur Militärdiktatur. Und einiges war ja auch ganz spannend. Am besten fanden wir dann aber alle den abgedunkelten Raum mit bequemen Couchen und Filmvorführung, wo wir alle erstmal ein Nickerchen gemacht haben.


Und dann gab's auch sowas in der Kunstausstellung. Ein fast leerer Raum und hinten links ein paar Fetzen Uniform an die Wand genagelt. Zum Glück steht da noch diese Statue eines göttlichen Adones, die das ganze ein wenig rausreißt.


Dann steht Maries Geburtstag an. Ursprünglich wollten wir dafür ein, zwei Nächte in Tigre bleiben mit Flo, Leonel und Rafael. Das sah so ein wenig wie Spreewald in groß aus. Und man käme mit der S-Bahn ganz einfach hin und ab da fahren Fähren zu den Unterkünften. Aber während der Planungsphase fing Flo an zu schreiben, dass man da zu der Zeit nicht hin könne, weil alles total überflutet sei. Außerdem sei grade in Buenos Aires eine Mückenplage biblischen Ausmaßes [und wie schlimm muss es dann erst in Tigre sein] und diese Mücken hätten auch jetzt Dengue nach Argentinien gebracht, was es vorher nur in Brasilien gab. Na gut, dann nicht. Schade.

Als wir ankommen sehen wir die Videos von der "Sintflut". Da steht eben der Garten vom Hotel unter Wasser. Aber weil die das kennen, bauen die da alle ihre Häuser auf Stelzen. Also alles kein Problem, man kann nur grade den Grill im Garten nicht nutzen. Bzw., ginge sogar, man holt sich nur nasse Füße. Und natürlich ist die Flut bei unserer Ankunft auch schon lange wieder weg.

Und die Mückenplage? Nun ja, also zugegeben für eine Stadt gibt es abends schon ordentlich Mücken. Aber im Verhältnis zu zu Hause ein ganz normaler Sommerabend. Und es gab auch in der Tat ein paar Denguefälle da, aber dafür sprüht man sich einfach mit etwas Anti-Brumm ein und gut is. Würde man denken. Der Durchschnitts-Buenos-Airer sieht das aber ganz anders: Die ganze Zeit reagieren sie panisch auf alles was fliegt und machen sich selber damit völlig kirre. Ich hab noch niemals zuvor so kollektiv unangemessenes Verhalten bei stinknormalen Mücken gesehen. Ungefähr so kompetenter Umgang mit dem Thema, wie bremer Autofahrer mit Schnee.

Aber ganz putzig, da es sonst bisher kaum Mücken gab, gab es natürlich auch keine nennenswerten Mückenmittelreserven und so ist bei uns im Viertel schnell alles ausverkauft [ich tippe mal auch auf einige Panikkäufe und ein florierender Schwarzmarkt]. Also teilen wir unsere Reserven gerne mit unseren Gastgebern. Flo beauftragt uns, die Augen offen zu halten. Und in der Tat auf einer unserer Touren [da war Flo grade arbeiten und nur Marie und ich unterwegs] durch ein anderes Viertel entdecken wir eine Apotheke mit einem großem selbstgemalten Schild vor der Tür "Repelente de mosquitos". Wir gehen also rein und in der Mitte steht ein großer Tisch voller Mückenmittel und ganz vielen Menschen drumherum mit einem glückseligen Lächeln hier noch etwas Stoff zu finden. Auch die Preise sind noch scheinbar normal, also bringen wir unseren Freunden natürlich eine gute Portion von dem lebensretteden Elixir mit.

Aber zurück zu Maries Geburtstag. Marie möchte gerne trotzdem noch nach Tigre und ich auch. Dann eben als Tagestour. Wir fahren also mit Flo erstmal Richtung China Town, von wo wir in die S-Bahn Richtung Tigre umsteigen können. Wir holen uns in China Town was zu essen und laufen dann Richtung S-Bahn. Plötzlich fällt Flo ein, dass sie ja ihren Sohn von der Schule abholen muss und wenn wir jetzt noch bis nach Tigre fahren, müsse sie ja schon sofort zurück, wenn wir da ankämen. Weder Leonel noch ihre Mutter könnten heute Rafael abholen. Und weg is sie Richtung Innenstadt. Marie is schon ordentlich enttäuscht von dem Verhalten. Zumal wir nicht so ganz verstehen können, warum Flo Tigre so meidet. Wird wohl ihr Geheimnis bleiben.


China Town mit original chinesischem Sushi und Empenadas

 

Dann fahren wir eben alleine nach Tigre. Dort angekommen brauchen wir erstmal eine Weile, um uns an den vielen Ticketschaltern für die Fähren zurecht zu finden. Weil da gibt es enorme Preisunterschiede zwischen den nahverkehrsartigen Fähren und den kleinen Touristenbootsfähren.

Wir haben noch etwas Zeit bis unsere preiswerte Fähre losfährt also holen wir uns noch zwei, drei Bierchen für die Tour.


Einer der Hauptkanäle [oder evtl ein Seitenfluss?] wo die ganzen Fähren ablegen

Dann biegen wir in den Rio Paraña ab. Auf der anderen Uferseite sehen wir schon die Inseln des Deltas. Davor alte, verlassene Flussdampfer und am rechten Pfeiler ein Schild mit der Aufschrift "Notausgang"... dabei is das ganze Boot rundrum offen. Aber hey, Ordnung muss sein.

Dann biegen wir ab in einen der Flussarme des Deltas

An den Bootsstegen da kann man erkennen, dass das Wasser wohl hin und wieder etwas höher steigt, aber eben auch, dass die Anwohner damit umzugehen wissen. Das wäre bestimmt super cool geworden hier zu übernachten und die Umgebung etwas genauer zu erforschen. Manchmal kann es eben auch nachteilhaft sein, auf Einheimische zu hören

Da jetzt auf seiner eignen Insel sitzen, schön mit Bierchen am Feuer... Das wär schon was

Oder mit einem kleinen Boot diese mystischen Miniabzweigungen erkunden, die wir überall entdecken

Übernachten in so'nem geilen Stelzenhaus mit Blick auf'n Fluss

Zurück Richtung Tigre auf der anderen Flussseite des Paraña

Sowas hatte meine Mutti früher im Bad. Musste man nie gießen - die beziehen ihr Wasser aus der Luft. Hier in NZ haben wir die auch im Garten. Hier heißen sie "Air Plants" wegen ihrer Wasser- und Nährstoffgewinnngsart. Die kann man sogar anna Schnur aufhängen und die gedeihen fröhlich vor sich hin. Keine Erde, nix nötig. Und nun kenne ich vermutlich auch ihre Herkunft: Südamerika. Die wachsen hier überall auf Bäumen, Stromleitungen... überall da, wo sonst keiner wachsen will


Dann chilln wir uns mit einem Bierchen nochmal an einen der Kanäle und beobachten das Treiben. Und da sehen wir Leute die vom Zug oder mit dem Fahrrad kommen und in eins der kleinen Boote steigen und wegtuckern. Wie geil is das denn? Die wohnen da also irgendwo im Delta auf so einer Insel, fahren morgens erst mit ihrem eignen Boot und dann weiter mit Bahn oder Fahrrad in die Stadt zur Arbeit. Könnte ich mir auch vorstellen - fetzt schon mehr als mitda Karre blöde im Stau rumzuhocken.

Den letzten Tag spaziere ich nochmal alleine los. Ich wollte sowieso einmal alleine durch die Straßen schlendern und alles auf mich wirken lassen und da, wo ich  heute hin will, war Marie schon. Also macht sie nochmal einen Tag mit Flo zusammen.


Ich schländere durch schmale aber schier endlose Straßen Richtung Rio de la Plata. Ich finde die ganzen Straßenfotos bisher können das Flair leider nicht so ganz wiedergeben. Aber ich bin hier total gerne unterwegs

Erkennt man jetzt auf den ersten Blick nicht, aber von links nach rechts verläuft eine 22-spurige Straße [man kann es vielleicht an der Entfernung der Gebäude auf der anderen Seite erahnen]. In der Mitte ein ziemlich breiter überdachter Gehweg, der gleichzeigt als Busstaionen dient. Pro Richtung 2 Busspuren links und rechts davon. Links und rechts davon, baulich getrennt insgesamt 10 Spuren für Autos. Dann ein weitere bauliche Trennung, jeweils 25m breit: ein fetter Grünstreifen zum Spazieren, mit Brunnen, Statuen und so weiter. Links und rechts davon nochmal je 4 Spuren für Autos und das alles abgeschlossen mit normalen Gehwegen. Macht insgesamt 140m Straßenbreite.


Und dann komme ich am Tagesziel an, dem Reserva Ecologica Costanera Sur. Einem riesigen Naturschutzgebiet mitten in Buenos Aires an der Küste des Rio de la Plata. Kaum Leute da. Man fühlt sich echt nicht wie von einer Millionenstadt umgeben.


Sümpfe, Wald, Lagunen, sumpfige Waldlagunen, bewaldete Lagunensümpfe und lagunige Sumpfwälder

Ich bin zwar jetzt dem Atlantik schon etwas näher, aber zu sehen ist immernoch nichts. Kurze Überschlagsrechnung: Angenommen meine Augen sind hier 10m überm Wasser, dann ist der Horizont etwas über 11km entfernt. Der Atlantik beginnt aber erst in über 200km, also müsste ich einen 4 - 5km hohen Aussichtspunkt finden, um so weit gucken zu können... Leider gibt es hier keine so großen Bäume. Ergo muss der Atlantikwestseitenbesuch vertagt werden.


Die Skyline der Stadt sieht man nur hin und wieder in der Ferne aufblitzen.

Was ist besser als Boardwalks? Boardwalks, die um Bäume drumrum gebaut sind

Auf dem Weg zurück. Erinnert mich irgendwie an Hamburg. Keine Ahnung warum.

Wenn ich mich richtig erinnere, ist das ein Theater

Am letzten Abend klettern Marie und ich nochmal auf die Dachterrasse von Flos Haus um den letzten Sonnenuntergagn in Buenos Aires zu genießen

Das Wäscheabnehmen hat größtenteils der Wind übernommen


Auf anderen Häusern sind die Dachterrassen richtig schön eingerichtet

Moma, der Hund von Flo und Leonel


Also, ich kann ja Hunde immernoch nicht ausstehen, aber mit Moma, bin ich erstaunlich gut klargekommen. Früher gab es in Buenos Aires nicht wirklich viele Hunde, weil die Wohnungen dafür meist viel zu klein sind. Dann während der Corona-Lockdowns durften nur Hundebesitzer mal kurz raus an die frische Luft. Also hat sich gefühlt halb Buenos Aires einen Hund besorgt. Aber etwas is total interessant in Buenos Aires. Wenn man auf der Straße rumläuft sind fast ausnahmlos alle Hunde total gechillt. Nicht nur, dass sie andere Menschen ignorieren, sondern sogar auch andere Hunde sind fast nie von Interesse. Kein Knurren, Bellen, Zerren, Arschschnuppern... absolutes Desinteresse. Und deshalb bin ich dann auch irgendwann abends echt gerne mit Moma spazieren gegangen. Sie lief einfach mit. Irgendwer meinte später, als ich das erzählt habe, das käme wahrscheinlich dadurch, das fast alle Hunde während Corona sozialisiert wurden. Bezugsgruppe sind nur die eigenen Leute und der Rest interessiert nicht. Würde das zumindest erklären. Das einzige wo Moma doch ein wenig gezerrt hat: Wenn man eine Straße parallel zu einem ihrer Lieblingsparks lang gelaufen is. Dann wollte sie an jeder Straßeneecke immer Richtung Park abbiegen. Nicht weiter schlimm, doll hat sie nicht gezogen, aber so konnte ich irgendwann ziemlich genau eingrenzen, wo die Parks ungefähr sind, auch ohne ihr nachzugeben ... so eine Art lebendiger Parkkompass.

Am nächsten Tag müssen wir um 3:00 raus um unseren Flug nach Bolivien zu bekommen. Auf zu weiteren Abenteuern... diesmal etwas mehr Natur.


Links die Inseln wo wir zu Maries Geburtstag in Tigre waren. Der große Zufluss am unteren Fensterrand is der Rio Paraña, auf dem wir mit dem Boot unterwegs waren. Der Große Fluss oben is der Rio Uruguay. Zum rechten Bildrand hin vereint sich alles im Rio de la Plata

 

16 August 2024

Buenos Aires - Teil 1

Vorgeschichte

 

Ich war ja jetzt schon lange nicht mehr wirklich auf Reisen. So janz weit weg, mit neue Orte erforschn und Ahmteua, und so. So'ne richtje Tour ins Unbekannte, vastehste? Aber jetzt, mit der Pandemie als einer ausgeblichenen Erinnerung einer lang vergessenen Vergangenheit, galten keine Ausreden mehr. Aber wohin? Ziemlich schnell hatten Marie und ich Patagonien ins Auge genommen - der südlichste Süden Südamerikas. Da wollten wir beide schon immer mal hin, zumal da Freunde von Marie wohnen. Und Salar de Uyuni, die größte Salzpfanne der Welt mit einem riesigen Zugfriedhof, in Bolivien, kann man ja auch gleich mitnehmen wenn man schon mal da drüben is. Und Marie wollte auch noch unbedingt ihre Freundin Flo in Buenos Aires besuchen, was ich auch total gut fand: In die Stadt wo an jeder Straßenecke Tango getanzt wird. Also Flüge nach Santiago de Chile gebucht, weil das derzeit die einzige Route von Neuseeland nach Lateinamerika ist. 5 Wochen? Ich hätte gerne etwas mehr gehabt aber das war ausreichend für Marie. Also 5 Wochen - reicht ja erstmal. Über Maries Geburtstag, aber hauptsächlich im März - dann is in Patagonien nicht mehr Hauptsaison und noch nicht allzu mieses Wetter hoffentlich. Pässe noch gültig? Ja klar. Ha! Reisen verlernt man eben nicht! 

Also wir sind ja beide nicht so die Reiseplaner. Einfach ankommen und treiben lassen. Nurmal vorher etwas recherchieren, wierum wir die Tour am Besten machen. Und so ein paar Orte, die man sich unbedingt angucken will. Das muss reichen.


Also Buenos Aires muss zuerst sein wegen Maries Geburtstag - sie will da mit Flo feiern. Dann Salar de Uyuni, damit wir am Ende raus schön gemütlich Zeit in Patagonien haben. Sehr gut, so machen wir das.

 

Schnell werden uns wieder die Distanzen in Lateinamerika klar. Wie ihr an dem Maßstab in der Karte oben erkennen könnt, entspricht die Distanz von Bolivien in den Süden Patagoniens der Strecke von Berlin nach Riad, Saudi Arabien [4.000km]. Na, mal gucken wie lange das so dauert: Von Santiago nach Buenos Aires sind es 24h mit dem Bus. Also entweder in Teilabschnitten mit Pausen zwischendrin oder mit Flieger. Ach, ja, buchen wir'n Flieger nach Buenos Aires. Gemütlich ankommen und dann Abenteuer.

Dann weiter: Hmm, von Buenos Aires nach Bolivien sind es schon so um die 48h mit dem Bus. Also definitiv nur mit Zwischenstopps. Wobei, der Norden Argentiniens hört sich jetzt gar nicht so spannend an. Dann lieber mehr Zeit in Bolivien. Also buchen wir einen Flug einfach kurz nach Maries Geburstag für die Strecke. Aber dann ab da gechillt und planlos reisen.

Inzwischen haben Maries Freunde aus Patagonien sich auch zurück gemeldet. Sie arbeiten direkt oder indirekt mit den Nationalparks in Patagonien zusammen [perfekt] und wir sollen mindestens eine Woche besuchen, sie hätten eine kleine Hütte in der Natur [wird ja immer besser]. Na dann mal gucken wie man da hin kommt: Mit dem Bus 4 Tage.... Kürzeste Verbindung... Na gut, wir müssen ja nicht ganz in den Süden von Patagonien: Bleiben immernoch 3 Tage Fahrtzeit. .... Und wir müssen ja noch zurück nach Santiago. Shit. Irgendwas haben wir da irgendwie falsch geplant. Anstatt 5 Wochen hätten wir wohl eher 5 Monate buchen sollen. Oder nicht so viel vornehmen. Aber Patagonien war die ursprüngliche Idee also wollen wir da definitiv noch irgendwie hin. Und so geben wir uns 2 Wochen in Bolivien und um über die Grenze in den Norden von Chile zu kommen [es gibt nämlich gar keine Flüge von irgendwo in Bolivien nach irgendwo in Chile], dann fliegen wir von da über Santiago in den Süden wo Maries Freunde wohnen und haben dann noch 2 Wochen in Patagonien, inklusive Rückfahrt nach Santiago. Zähneknirschend buchen wir die Flüge. Schön dämlich von uns. Reisen kann man also doch verlernen. Zu viel gewollt, Distanzen unterschätzt. Aber alles jammern hilft ja nix. Nächstes mal wieder anders - jetzt freuen wir uns einfach erstmal auf das was da komme.

 

Am Flughafen von Auckland besteigen wir den Flieger nach Chile, eine B787 von LATAM. Und ich habe ja kein Problem mit Speed-Tape auf dem Flügel. Aber das hier? Was zum Geier? Wer das noch nie gesehen hat: Speed-Tape ist eine spezielle Art von Gaffa-Tape, was man in der Luftfahrt nutzt, um behelfsmäßig kleine Kratzer im Flügel auszubessern. Das macht den Flügel wieder glatter und verhindert, dass der Luftstrom am Flügel abreißt und das Flugzeug vom Himmel fällt. Aber, Punkt 1, wäre es vielleicht doch mal an der Zeit den Flügel auszubessern, wenn da gefühlt mehr als die Hälfte mit Speed-Tape voll is und vor allem, Punkt 2, sollte man es GLATT aufkleben und nicht mit Wellen und Falzen drinne um noch zusätzliche Unebenheiten auf der Tragfläche zu haben, damit der Luftstrom noch besser abreißen kann. Und dann auch noch Boeing. Gottogott, armes Vaterland.


Der Flug über den Pazifik verläuft dennoch wunderbar ereignislos. Erst einige Tage später, sollte auf dieser Route von LATAM ein Vorfall ereignen. Nach aktuellem Stand der Ermittlungen soll ein Crewmitglied versehentlich einen normalerweise verdeckten Schalter am Sitz des Piloten betätigt haben, wodurch der Sitz den Steuerknüppel nach vorne schiebt und das Flugzeug den Autopiloten verlässt und in einen Sturzflug gerät. Laut Angaben des Piloten wurden dabei die Anzeigen im Cockpit schwarz [bitte?], weshalb es einen Moment dauerte das Problem zu erkennen und zu beheben. Zum Glück haben alle überlebt, aber 50 Fluggäste verletzt, 12 davon ins Krankenhaus und das Flugzeug sah danach schlimmer als mein Kinderzimmer aus, wenn Mutti mal ne Woche im Urlaub war und ich nix aufräumen musste. 

In Santiago steigen wir in den Flieger nach Buenos Aires und werden dort am innerstädtischen Flughafen von Flo abgeholt. Auch noch spät abends fahren da Busse und so kommen wir super unkompliziert in Flos Wohnung an, die sie sich mit Mann, Kind, Hund und einem Mitbewohner teilt. Groß ist die Wohnung nicht, aber trotzdem bekommen Marie und ich unser eignes Schlafzimmer und Flo besteht darauf, dass wir die ganze Woche bei ihr bleiben. Auch wenn es schon spät ist und wir ziemlich fertig von dem langen Flug sind, feiern wir unser Wiedersehen. Ich kenne Flo, ihren Mann Leonel und ihren Sohn Rafael bereits aus Toulon [Riviera], wo sie vor 5 Jahren noch gewohnt haben.


Die Wohnung ist zwar klein, aber hat dafür einen Balkon über die Avenida Cordoba, eine der Hauptrouten durch Buenos Aires mit einem schönen Ausblick über die Stadt in einem echt angenehmen Viertel


Für den nächsten Tag planen wir eine kleine Touritour durch die Innenstadt, weil ich ja noch nie in Buenos Aires war. Die Stadt begeistert mich von Anfang an. Sehr groß und wuselig. Ein vielfältige Architektur, von beeindruckenden Kolonialbauten, über angenehm grüne und gemischte Wohnviertel, bis hin zu modernen Wolkenkratzern. Sehr viele Kulturen überall, aber doch ein eindeutiges lateinamerikanisches Flair mit einer eigenen unvergleichlichen Note. Auch wenn Mexico City anders war, sehe ich doch sehr viele Parallelen und die größte davon: Nach Berlin, war ja Mexico die erste Stadt in der ich mir vorstellen hätte können zu wohnen der Stadt wegen - Buenos Aires ist jetzt ebenfalls auf der Liste. Und ein definitiver Vorteil gegenüber Mexikostadt: Buenos Aires ist relativ sicher. Selbst nachts. Als erstes laufen wir zum ehemaligen Hauptpostamt, dass inzwischen eine Art Kunstzentrum und Austsellung geworden ist.


Ein Teil der Briefe der Desaparecidos - der 20.000 - 30.000 Menschen, die während der Militärdiktatur in den 70er Jahren verschwunden sind oder umgebracht wurden. Argentinien hat wie viele Länder Lateinamerika eine sehr wechselhafte Geschichte mit Kolonialisten, Diktaturen und Putschen, sowie Demokratien. Und scheinbar setzt es sich auch sehr offen mit den dunklen Kapiteln auseinander.

Hier hätte ich auch gerne als Postbeamter gearbeitet. Schickes Arbeitszimmerchen.

Wie viele abertausende Briefe und Päkchen hier wohl über die endlosen Schalterreihen gegangen sind? Das geht noch links und hinten weiter. Ich finde ja Post und alles drumrum toll, weil das verbinde ich immer mit Sehnsucht, Ferne, Reisen, weite Welt...

Buenos Aires hat ein richtig geiles Nahverkehrsnetz. Meistens haben die Busse ihre eigenen Spuren ohne Autos und oft genug sogar, wie hier, zwei pro Richtung, damit sich die Busse überholen können. Der Strom an Bussen reißt nicht ab und man kommt super effizient voran. Dazu gibt es auch noch ein kleines U-Bahn-Netz. Auto braucht man hier also nicht.

Lateinamerika-Feeling, cha-cha-cha, ein Plaza, Palmen, Kirche, Kolonialbauten

Und typisch Katholiken, wird an der Inneneinrichtung der Kirchen nicht gespart


Schon während des ersten Abends fragte Flo danach wie viel und was für Geld wir mit haben. 300 US Dollar, 300 US Dollar in Chilenischen Peso und kiloweise Kiwi-Dollar. Flo fängt an sich Sorgen zu machen. Sie hätte uns doch schon vor unserer Abreise gesagt wir sollen vorher ganz ganz viele US Dollar eintauschen. Na haben wir doch. Und dann haben wir ja noch ganz viele neuseeländische Dollar mit und Kreditkarten. Aber wir wollten nicht alles umtauschen, weil dann zahlt man ja zweimal Gebühr und den Fehler habe ich einmal in Australien gemacht, als ich Geld für Papua Neuguinea haben wollte, aber nur Kiwi-Dollar mit hatte. Flo fängt an sich große Sorgen zu machen. Wir versuchen sie zu beruhigen und Marie erzählt ihre Geldgeschichten aus Kuba und wie am Ende alles geklappt hat. Ich erzähle die Geschichte aus Madagaskar und wie ich da mal ein paar Tage ohne Geld auskommen musste [einfach immer im Hotel verlängern], bis mir eine Sparkassenmitarbeiterin meine Kreditkartengeheimzahl per Mail geschickt hat, weil es in ganz Madagaskar keine EC-Automaten gab. Und hey, Kuba, Madagaskar - da is ja Argentinien nun meilenweit voraus. Flo macht sich weiterhin sorgen und erzählt uns dass in Argentinien grade mal wieder Finanzkrise ist und derzeit 5 Währungen gleichzeitig zirkulieren. Der normale Peso. Dann ein Peso der quasi der normale ist, aber an den man nur illegal kommt, dafür aber einen weitaus besseren Umtauschkurs hat. Dann Geld was nur auf Konten existiert. Allerdings hat sie grade kein Konto mehr. Die Bank hat es einfach über Nacht geschlossen, weil Flo sich Geld von ihrem europäischen Konto auf ihr argentinisches überwiesen hat [was daran falsch war, hat ihr keiner gesagt]. Dann noch irgendeine Kryptowährung und das fünfte habe ich schon wieder vergessen.

Also erstmal die 300 US Dollar an so einem illegalen Tauschbüro wechseln. Sie nehmen nur US Dollar oder notfalls noch Euro, keine chilenischen Peso oder Kiwi-Dollar. Sie nehmen auch nur perfekte Banknoten an und je größer die Banknote, je besser der Kurs. Oha, komisch alles, aber hey, Flo ruft jemanden an, wir machen einen Termin aus und gehen los. Ich erwarte eine zwielichtige Person in irgendeiner Seitengasse. Nichts da, wir steuern auf einen großes, schickes modernes Gebäude drauf zu. Wir klingeln und erhalten Einlass. Unten nickt Flo einem Portier zu und sagt wo wir hin wollen. Er lächelt freundlich und lässt uns passieren zum Fahrstuhl mit dem wir etliche Stockwerke nach oben fahren. Ein schicker Flur mit Türen ohne nennenswerte Aufschrift, Flo klingelt an einer und wir kommen in einen schicken modernen Aufenthaltsraum. So fast wie in einer teuren Arztpraxis nur ohne Rezeption. Nach kurzem Warten werde ich über die Sprechanlage zu einer der Türen beordert. Ich trete ein und da sitzt durch eine Glasscheibe getrennt eine Frau im feinen Businesszwirn. Ich gebe ihr meine US Dollar. Sie sortiert sie nach Scheingrößen, checkt die Qualität und gibt mir einen erstaunlich großen Stapel Pesos inklusive Bon, auf dem auch wirklich zu sehen ist, dass große Scheine einen besseren Kurs bringen.

Als Flo und ich wieder draußen sind, frage ich sie ungläubig, wie das illegal sein kann. Flo zuckt mit den Achseln - Argentinien eben.


Ich fühle mich wie damals in Madagaskar, als ich mit 1,2 Millionen auf die Insel Ste Marie geflogen bin

Flo bringt mir auch gleich bei wie man sich ein argentinisches Portmonee bastelt. In Lateinamerika soll man das Geld für den Tag ja immer lose in der Tasche haben und dann auch am besten beim Bezahlen einfach immer nur die richtige Menge rausfischen, damit man keine unnötigen Begehrlichkeiten weckt. Aber mach das mal wenn der größte Schein 2.000 Pesos sind, man dafür aber fast nix bekommt. Also stapelt man immer 5, faltet die zusammen [ergo 10.000 Pesos] und stapelt die Stapel wieder und bindet ein Gummiband drumrum. Dann kann man sehr leicht mit Fingern in der Tasche die einzelnen 10.000-Pesos-Stapel erfühlen und halbwegs passend zahlen - Gewusst wie.


Abends beschließen wir ein wenig um die Häuser zu ziehen. Auf dem Weg zum Bus sehen wir eine laaaaange Schlange von Autos vor einer Tanke. Komische Sitten hier. Ist nachts das Benzin so viel billiger? Nicht ganz. Grade vor ein paar Tagen wurde Milei zum Präsidenten gewählt. Milei ist sowas wie der Trump von Argentinien. Aufgrund der zu erwartenden Proteste und der entsprechenden Reaktion der Polizei halten wir uns von einigen Ecken fern, weil grade sehr viel, sehr schnell passiert. Milei hat angekündigt, er wolle sämtlichen Provinzen in Argentinien komplett das Geld streichen. Daraufhin meinte der Chef von Patagonien, wenn Milei das macht, würde Patagonien kein Öl/Benzin mehr an Buenos Aires liefern. Da das komplett aus Patagonien kommt, könnte es binnen zwei Tagen kein Benzin mehr in Buenos Aires geben. Keiner weiß für wie lange. Also horten alle, die es zum Überleben brauchen [z.B. Bus- und Taxifahrer].

Unser Flug nach Bolivien geht in einer Woche. Ich mutmaße, dass die Flughäfen etwas länger aushalten mit Kraftstoff, aber bis dahin könnte der ganze Straßenverkehr zum Erliegen gekommen sein. Zum Glück geht unser Flug vom innerstädtischen Flughafen, also wäre es theoretisch sogar möglich an dem Tag um 3:00 morgens mit Sack und Pack loszumarschieren, um den Flug noch zu bekommen. Naja, hoffen wir mal, dass die sich einigen.


Neben den normalen Bussen gibt es auch hier die bunt bemalten alten Kisten, drinnen original mit Partybeleuchtung


Auch was Kneipen, Bars und Kultur angeht hat Buenos Aires sehr viel und vielfältiges zu bieten. Dazu meist ein sehr angenehmes Flair und jeden abend bis tief in die Nacht. Nur eine Sache habe ich noch nicht gesehen: Tango. Ich hatte das hier an jeder zweiten Ecke erwartet. Ich frage Flo wo es das gibt. Sie überlegt.... sehr lange... gib's nich so wirklich. Wir könnten zu einer Tangoshow gehen, wo man Eintritt bezahlt und dann wird da was vorgetanzt. Ich will aber keine Show. Damals in Berlin haben mir die Lehrer immer was vom argentinischen Tango erzählt. Selbst in Bremen und Auckland gab es regelmäßige, öffentliche Veranstaltungen, wo einfach jemand Musik mitbringt und jeder darf mitmachen oder zugucken. Und da muss es ja wohl hier, in der Welthauptstadt des Tango schließlich auch sowas geben. Flo guckt mich bemitleidend an. Gib's aber nicht. Na toll, was kommt als nächstes: Der Weihnachtsmann ist auch nur eine Lüge?

Das ist zwar schon ein wenig ein Dämpfer, aber tut letztendlich meiner Zuneigung zu Buenos Aires keinen wirklichen Abbruch. Ich behaupte einfach für mich, dass Buenos Aires als moderne Metropole diese Tradition einfach vergessen hat und sobald man raus in die Pampa fährt da noch überall Tango getanzt wird. Zur Sicherheit beschließe ich, das auf keinen Fall zu überprüfen.


Dann am nächsten Tag noch'ne Tour durch die Stadt. Kein wirkliches Ziel. Einfach los und alles auf sich wirken lassen. Diesmal müssen Flo und Leonel arbeiten, also können Marie und ich einfach gucken, was kommt. Is auch mal ganz gut, weil obwohl Flo ursprünglich aus Lateinamerika is, sie alles für uns planen möchte. So besprechen wir mit ihr am Vorabend minutiös die ganze Tour für den nächsten Tag und am nächsten Tag machen Marie und ich was komplett anderes. Was Mutti nicht weiß...


Putzige Einheimische baden in den Pfützen, ärgern sich, spielen, hüpfen rum, streiten, turteln, pflegen sich, wonach ihnen grade auch immer der Schnabel gewachsen is

Gegenüber vom Papageienpark sehen wir einen riesigen Baum oder Hain - ma hinkiekn

Unter den großen Kronen verbergen sich Stämme mit einem Wurzelgerüst wie aus einer fremden Welt

Der Eingangsraum der Uni für Kunst. In die Uni selbst dürfen wir leider nicht, aber alles krass groß beeindrukend

Dieses fiese Stachelding wächst hier überall. Heißt irgendwie Borrachobaum. Borracho heißt Besoffener und der Name kommt daher weil die Äste im Wind angeblich hin und her wanken, wie wenn man ein paar zu viel hatte und nach Hause torkelt.

Auch Buenos Aires hat so eine Art Favela [oder mehere?]. Die bunten Häuser in der Ferne hinter den Bahngleisen. Aber man muss sich ja nicht alles von Nahem angucken.

Das finde ich mal geil. Früher war hier alles mal eine Etage höher, als sie den Baum angepflanzt haben. Und jetzt haben sie das hier für ein weiteres Unigebäude(?) eine Etage tiefer gelegt. Aber anstatt den Baum einfach abzuhacken, haben sie ihm einen riesigen Blumentopf gebaut. Sogar mit Wandelrampe drumrum, damit man noch unter dem Baum sitzen kann. Schönet Ding.

Hinter der endlos breiten Straße fangen wieder die Häuserschluchten an.

Hier mal ein kopletter Borrachobaum in voller Blüte

Das alte Haus gegenüber unserer Wohnung. Das war früher mal eine geschlossene Anstalt. Jetzt ist sie scheinbar besetzt... oder auch legal bewohnt, aber dann sehr improvisiert. Nachts sieht man manchmal den ein oder anderen auf dem Dach. Im Garten werden Obst und Gemüse angebaut und hin und wieder dringt aus einigen der verbarrikadierten Fenstern Licht... ist schon anziehend, aber am Ende traue ich mich doch nicht rein.

Extremst viel Polizeischutz, Kreuzungen werden gesperrt und in der Mitte ein Bus... wer is drin? Irgendein Fußballteam. Keine Ahnung, ob die Nationalmannschaft, aber da war grade nix Intenationales los, also vermutlich einfach irgendein Team. In Mexiko haben sie mir mal den Witz erzählt: Für Mexikaner gibt es zwei wirklich heilige Sachen: Zuerst Gott, dann Fußball. In Argentinien kommt Gott nur auf Platz 2. Okay, glaube ich jetzt auch.


Nächster Tag ist wieder Wandertag, aber diesmal mit einem Ziel. Wir laufen los...


Typischer Anblick überall in Buenos Aires: Alte Kolonialhäuser neben neueren Wohnhäusern und irgendwo wird was abgerissen und größer und neuer gebaut...


Nach einem langem Marsch kamen wir am Ziel an...


Na, wer erkennt's? Kleiner bepflanzter Plaza. Drumrum winzige Häuschen, jedes in seinem eignen Stil...


Hier und da schöne Glasfronten...

Teilweise moderne Architektur oder protzige, polierte Granitplatten...


Klar wie Kloßbrühe jetze, wa? Friedhof. Eine ganze Friedhofsstadt. Jedes "Häuschen" ist eine Familiengruft. Verzweigte Pfade führen durch diese riesige Ruhestätte.


Wer nicht die Kohle dafür hat oder es einfach etwas kuschliger mag, lässt sich in diesen endlosen Gängen über mehrere Stockwerte zur letzten Ruhe betten

Keine Ahnung, was in dieser Gruft passiert is. Aus den Särgen tropft rotbraune Suppe, der Kellereingang is offen, die Scheibe eingeschlagen... Da stellt sich schon die Frage, ob da jemand rein oder raus wollte. Der Entschluss steht umso fester hier wieder vor Sonnenuntergang raus zu sein. Dann schließen die Tore und die ganze Totenstadt ist von einer bestimmt fast 10m hohen Mauer umgeben. Vielleicht nicht ohne Grund?

Wer gar keine Kohle hat, landet wohl auf diesem Gottesacker mit schlichtem Holzkreuz

Voll schön verträumt. Könnte auch irgendeine putzige Kleinstadt irgendwo in der Pampa sein... achso ja, das sieht hier nicht nur so leer aus: Es ist so leer. Schon etwas gespenstig, aber auch total beruhigend irgendwie.

Teilweise riesige Mausuleen. Na wenn die Kohle dafür da is, kann es ja nich ganz schlecht laufen

Ob in der Gasse abends die Tavernen sind?

Jeder scheint hier seinen komplett eigenen Stil zu haben. Gruftarchitekt oder -bauarbeiter muss hier ein echt spannender Beruf sein.


Ich habe ja in Lateinamerika schon viele wirklich beeindruckende Friedhöfe gesehen, aber das hier toppt ja wohl alles. Als wir Flo abends total begeistert davon erzählen versteht sie nicht, was wir an einem Friedhof so toll finden. Sie ist etwas irritiert, dass wir ihre Ideen für Museen oder Paläste in den Wind geschlagen haben um uns einen Friedhof anzugucken. Als wir ihr erzählen, dass wir schon zig Museen und Paläste gesehen haben und die sich irgendwann auch mal alle ähneln und man dafür als Europäer nu echt nicht nach Lateinamerika muss, aber die Friedhöfe hier einzigartig seien, schüttelt sie nur den Kopf und is vermutlich ganz froh, dass sie den Tag auf Arbeit war und nicht mit diesen merkwürdigen Europäern unterwegs.

Dafür haben wir wieder einen sehr schönen Abend mit lecker Essen und Bier... Einen Abend kocht auch der Mitbewohner riiichtig schmackhaftes Essen für uns, wir revanchieren uns. Ebenfalls bei unseren Gastgebern. Die Abende sind damit genauso wunderbar erlebnisreich, wie die Tage. Ich stelle mal wieder fest, bei Einheimischen unterzukommen ist eine so viel bessere Art zu reisen, als im Hotel zu bleiben. Einfach weil man so wirklich sein Reiseziel kennenlernt. Nicht nur die Attraktionen und Shows, die ein Bild vom Land vermitteln sollen, sondern auch das echte Leben. Und grade das macht Reisen so spannend. Die Welt ist so dermaßen vielfältig. So begeistert ich ja von der Pandemie war [siehe frühere Posts zum Thema], so sehr merke ich doch wieder, wie essenziell es ist, doch mal wieder rauszukommen.

Schön, dass es wieder geht. Schön, dass wir hier sind. Ein fettes Danke an unsere Gastgeber, die trotz Alltagssorgen, politischen Chaos, Finanzkrise, trotzdem die Zeit finden um uns hier eine richtig tolle Zeit zu bereiten und jeden Schritt gehen, damit wir uns wohl fühlen. Und ebenso schön zu sehen, dass sie das nicht aus einem Pflichtgefühl heraus machen, sondern Flo und Leonel sich echt über unseren Besuch, die Touren tagsüber und die Gespräche bis spät in die Nacht freuen.