29 September 2018

Das Hektoliterproject

Ich werde unsanft geweckt. Es ist noch dunkel. Außerdem ziemlich kalt außerhalb meiner Decke. Aber ein nicht unbeachtliches Gewicht lastet auf meiner Brust und eine unglaublich penetrante Stimme lassen irgendwie nicht weiter an Schlaf denken: "Weißt Du, warum das alles nix wird? Na? .... Warum wir immer noch im Gerstenmalzsbodensatz der Bierbrauergeschichte rumwühlen, wie ein Hefebakterium am dritten Tag der Fermentation?" Ich fühle mich etwas überfordert und antworte eloquent mit: "Hä?" Langsam komme ich immerhin in der realen Welt an, die just allerdings nicht besonders anziehend ist, insbesondere deshalb, da der oberste Brauleiter nun zusätzlich zu seinem nervigen Geschwafel anfängt mir mit etwas in die Nase zu pieken. "Unser Problem. Weißt du, was unser Problem ist?" Ich beschließe spontan einen möglichst kleinen Vogelkäfig zu kaufen, will dem obersten Brauleiter aber nicht die Überraschung versauen und antworte vorerst: "Vermutlich, dass Kiwis nachtaktiv sind und sobald sie ihre Ernährung auf Flüssigbrot umgestellt haben, nicht mehr genug damit beschäftigt, Würmer und Schnecken zu suchen und dadurch in einer Tour auf sinnlose Ideen kommen?" Das pieken hört kurz auf und ich kann den obersten Brauleiter quasi denken hören, allerdings fängt er sich leider viel zu schnell und fährt fort: "Ach, Blödquatsch. Hör auf Dummfug von Dir zu geben und steh lieber auf. Ich hab Dir extra auch schon ein Bier eingegossen, ... Dawai dawai jetzt, bevor's schal wird."

Da jetzt nicht mehr an Schlaf zu denken ist, bis ich mir die tolle neue Erkenntnis vom obersten Brauleiter angehört habe, quäle ich mich aus dem Bett. Anscheinend ist es dem obersten Brauleiter wirklich wichtig, denn er hat mir sogar einen Kaffee gekocht. Also genauer gesagt einen Bierfee. Klingt wiederlich und schmeckt auch so. Ich gucke den obersten Brauleiter noch etwas verschlafen an. Er plustert sich theatralisch auf, atmet tief ein und setzt an: "Jedes Jahr werden weltweit 2 Milliarden Hektoliter Bier gebraut. Und wir sitzen immernoch hier am Arsch der Welt und dürfen bei den großen nicht mitspielen. Und warum? Weil wir es nicht mal schaffen einen einzigen Hektoliter zu brauen. Ich habe das mal in unseren Büchern recherchiert. Jedes Jahr bleiben wir mit unserem Brauvolumen unter einem Hektoliter. Kein Wunder, dass wir da in der Statistik gar nicht auftauchen. Wie auch? Wir können ja nicht mal erfasst werden. Ich hab das mal durchgerechnet und eine Taktik entwickelt, wie wir jetzt den ganzen Biermarkt von unten aufrollen können..." Er fängt an auf den Kühlschrank irgendwelche dubiosen Zahlen und kraklige Kurven zu malen. Das ganze wird gespickt mit irgendwelchen Management- und Businessbegriffen.


"... bei Erweiterung der Core Capacities ... was dann nach Einführung von Lean Process Scheduling ... Enhancement des Value Returns ... gleichzeitige Einbindung des Peer Group Customers ... und so weiter Business Modelling und so fort Strategy Alignment et cetera Market Revenue perge perge..."

Was ich letztendlich aus diesem viel zu langen Monolog mitnehme, ist, dass ich die nächsten Tage wohl erstmal ordentlich Gertenmalz, Hopfen und Hefe aufstocken muss und mich dann an die Arbeit machen soll. Der oberste Brauleiter würde so lange das Controlling des Workflows übernehmen.

Der oberste Brauleiter über den Büchern...
Und während der oberste Brauleiter was von Marketing Strategies und Client Targeting faselt und Task Timing Schedules und Forecast Reports erstellt, stehe ich in der Küche und braue, was das Zeugs hält. Da ein Batch knapp über 20 Liter sind, müssen also fünf gebraut werden. Und da dem obersten Brauleiter versatility total wichtig is, soll ich jeden Brau nach einem anderen Rezept machen, aber auch ja nicht zuviel rumexperimentieren, da unsere Core Competence schließlich zwischen Pilsner und Lager liege.

Also einfach mal fröhlich im Brauladen meines Vertrauen, bzw. laut dem obersten Brauleiter 'Local Supply Distributor', shoppen gewesen... Gerstesorten, Malzsirupe, Hopfense, Hefekulturen jeder kulör...

Es ist interessant, wie viele Gerstensorten es alleine gibt. Die sehen nicht nur unterschiedlich hell oder dunkel aus: Das ist so'n bisschen wie Kaffee, wo man ja auch sehr unterschiedliche Geschmäcker alleine durch die Bohne und Röstung erreichen kann, von sehr fruchtig über herb bis hin zu karamellig oder schokoladig, ohne da jemals Zitrone oder Kakao hinzu zugeben. Und da zeigt sich auch mal wieder wie unnötig das Gepansche der Hipster-Craft-Brew-Schänder is, wenn sie da dann irgendwas ins Bier kippen, was da nicht rein gehört... *kopf-schüttel*

Ein gutes hat das Gehabe des obersten Brauleiters allerdings. Er erklärt mir die Technik des Partial Mash. Wahrscheinlich erinnert sich der ein oder andere noch, dass man entweder Bier ganz einfach aus Gerstensirup fermentieren kann oder man kocht die Stammwürze für das Bier selber. Allerdings kann man das ganze auch einfach mischen. Und das bringt eine Menge Vorteile mit sich. Man hat die Variationsmöglichkeiten wie beim Würze kochen [selber Gersten zusammen stellen, wann gebe ich welche Hopfen dazu, wie lange und welche Temperaturkurven für Maischen, Läutern, Kochen, Ausschlagen, etc.], aber kann die Menge reduzieren die man handhaben muss. Ich kann den Brautopf jetzt alleine in die Wanne heben zum Abkühlen, ich kann die Temperatur besser und schneller beinflussen und so weiter. Also kocht man dann nur 15 statt 30 Liter Würze und erst im Fermentor tut man noch mal eine Packung ungehopften Malzsirup und das restliche Wasser drauf.

So sehen dann die Zutaten für ein Partial Mash aus: Gerste & Hopfen wie beim selber machen und Malzextrakt wie bei der faulen Variante...

Endlich mal eine handhabbare Menge Würze... Hmmm, allerdings könnte ich mir auch einen zweiten Fermentor holen, wieder 30 Liter Würze kochen und dann 55 Liter fermentieren mit dem Partial Mash Verfahren... Und in dem Topf kann ich eigentlich auch bis zu 60 Liter Würze kochen... Das wären dann 1 Hektoliter Bier pro Brau mit dem Partial Mash... Brauche ich nur den Platz für 4 Fermentatoren...

So kalte, klare Wintertage sind einfach perfekt zum Brauen... man kann die Sonne genießen, ist aktiv und zum raus gehen is sowieso viel zu kalt...

Die fünf Brause waren dann auch rechtzeitig vor meinen sieben Wochen Winterurlaub fertig. Bier soll ja immer ne Weile Lagern, damit es weicher und bekömmlicher wird... Und so zwei Monate is eigentlich schon angebracht. Das Problem sonst war ja immer, dass man dann gratis Bier in der Bude hatte, was schon ohne weiteres trinkbar war und daher hat sich die Lagerung meist erheblich verkürzt. Da es aber vom obersten Brauleiter die Vorgabe gab, es müsse mindestens eine Hektoliter im Haus sein, durfte vor meinem Urlaub nix angerührt werden.

Und das war dann das Ergebnis wochenlanger harter Arbeit...

Notizen des Braugehilfen...
Die fünf Batches:

1) Mexican Lager

2) Blonde Lager

3) Export Pilsner [kaltfermentiert]

4) Grege's Lager [partial mash]

Gerstenmix: 
  • 1kg German Pilsner Gerste
  • 0,6kg Premium Pils Gerste
  • 0,2kg Carapils Gerste
  • 0,2kg Toffee Gerste
Hopfengaben:
  • 15g GR H. Mittelfrüh Hopfen [@ 60 Minuten vor Ende]
  • 15g GR H. Mittelfrüh Hopfen [@ 0 Minuten vor Ende]
Hefe:
  • Californian Lager Yeast M54 [von Mangrove Jack's]

Dann im Fermentor nochmal 1,7kg Blonde Malt Extract [Gerstensirup mit sehr mildem, klaren Geschmack] dazu.

Fermentiert bei 18°C. Dafür ist die California Hefe ganz gut, weil die auch zum kaltfermentieren geeignet ist und daher relativ temperaturunempfindlich.

5) Grege's Pils [partial mash]

Das gleiche Rezept, wie Grege's Lager, aber diesmal mit jeweils 30g Hopfengabe.

Vom obersten Brauleiter gibt es ein Verbot die reifenden Biere bereits vor meinem Urlaub zu fotografieren. Das wäre nicht nur unethisch, auch hätten es seine Maorivorfahren mit einem Tapu belegt. Jedes mal wenn ich also den Kästen Nahe komme, beginnt er einen Haka aufzuführen [wer vergessen hat, wie einschüchternd sowas sein kann, der klicke hier: All Blacks vs. France].

Und so steige ich guter Hoffnung in den Flieger. Zum Abschied bekomme ich sogar noch etwas Lob vom obersten Brauleiter: "Dein Beitrag zum Hektoliterproject war auf dem Weg hierher eine durchaus nicht zu verachtende Leistung. So hast Du dazu beigetragen, dass jetzt ganze 111 Liter Bier in unserer bis Dato noch unbekannten Kingsland/Mt Eden-Brauerei darauf warten zu reifen. Ab kommenden Jahr wird die weltweite Braustatistik auf 2.000.000.001 Hektoliter nach oben korrigiert werden müssen. Und ich sage Dir, dieser eine Hektoliter wird der edelste Tropfen sein, den die Welt in der über 10.000 jährigen Geschichte der Braukunst gesehen hat. Für Deine Verdienste befördere ich Dich hiermit zum auserkorenen Obergehilfen des größten Braumeisters aller Zeiten." Er muss echt gute Laune haben...

Sieben Wochen Urlaub vergehen recht schnell. Als ich wieder in Auckland ankomme, stelle ich fest, dass zumindest mein Haus noch steht. Allerdings erwische ich den obersten Brauleiter inflagranti mit seinem Schnabel in einer Bierflasche. Er guckt mich an: "Hab nur mal gerochen... wollte ich grade jedem von uns was eingießen... Ou man, guck mal einer an, haben wir diese Flasche wohl nur halb befüllt... Naja, ich besorg erstmal ein Glas für jeden..."

So kosten wir also erstmal jeder ein Bier.... ...von jedem Batch - man will auch schließlich wissen, ob alle was geworden sind. Und aus irgendeinem Grund vergessen wir glatt ein Foto zu machen... Aber am zweiten Tag kann ich den obersten Brauleiter doch zu einer kleinen Session überreden...


...bei einem Bierchen natürlich.

Links vom vom obersten Brauleiter steht eine Flasche mit blauem Etikett. Das ist ein Death Draught. Der Brauer des Death Draughts ist vor einiger Zeit an Krebs gestorben und hat kurz vor seinem Ende noch einmal all die Sachen gemacht, die er gerne in seinem Leben gemacht hat. So auch eine letzte Runde Bier gebraut und dann mit seinen Freunden gefeiert. Daher der Name des Biers. Da es schade gewesen wäre die Flaschen zu entsorgen, wurden sie dann an lokale Brauer verteilt, so auch an mich. Finde ich beeindruckend: Egal was kommt, das beste draus machen. Und daher wird bei jedem Ausspühlen auch peinlichst darauf geachtet, dass die Etiketten sich nicht von den Flaschen lösen.

So sehen 111 Liter Bier minus einmal kurz kosten aus... Wer jetzt nachzählt bedenke, die Flaschen mit dunklem Hals sind 745ml und die mit weißem Hals 660ml

Das Lieblingsfoto vom obersten Brauleiter. Steht jetzt auf seinem Schreibtisch. 

...und das ist mein neuer Bildschirmhintergrund.... Bier bis zum Horizont... ein endloses Mosaik aus Kronkorken

...und alles schön verstaut.


Zum Ende will ich dann doch nochmal eine der Statistiken des obersten Brauleiters präsentieren... Da sie etwas Hoffnung macht auf eine gute Zukunft...

Year   Spendings  Quantity
        in NZ$    in litres
2016     280        69
2017     412        93
2018     255       111

Totals:  947       273

Jedes Jahr steigt nicht nur der Austsoß an Bier, auch finanziell hat sich das gelohnt.

So bleibe ich über den gesamten Zeitraum gerechnet bei unter $3.50 pro Liter vs. über $5 im Laden [von Kneipenpreisen reden wir hier erst gar nich] - sind ergo gut über $400 gespart... ... Also fast, man verteilt ja dann die ganze Zeit fleißig unter Freunden, Besuchern und Kollegen. Schließlich müssen ja alle mal Kosten und wollen ja auch. Schmälert die Ersparnis natürlich. Hat man dann dafür aber lustige Abende mit Freunden und ein schönes Thema zum Schnattern, weil hier in NZ jeder Zweite schonmal irgendwas gebraut hat und der Rest zumindest interessiert tut.
Is jetzt blöde: Wie bringt man sowas inne Finanzrechnung mit ein? Ich geh wohl mal den Obersten Braumeister fragen, was eine feuchtfröhliche Stunde mit Freunden wert is. Schließlich hat er ja scheinbar richtig krass Ahnung von Revenue-Evaluation-Modelling. Vielleicht trinke ich auch noch gleich ein Bierchen mit ihm, falls er da wieder ins philosophieren kommt... Bin dann aber gleich zurück und schreib den Artikel fertig... Also direkt nach dem einen Bierchen... Bierbrauerehrenwort...