19 Juni 2017

1001 Nacht - Erzählungen aus dem Ultraorient

...oder: Anekdoten aus dem östlichsten Osten, wo der Tag zwar beginnen mag aber die Welt endet.


~ Geleitworte ~


1001 Nacht ist es her, dass ich nach einer langen Reise mit einem Schiff, dass durch die Winde über dem Wolkenmeer schwimmt, ein unbekanntes Inselreich am Ende der Welt betreten habe.

Einen Ort an dem der Mond auf dem Kopf steht und die Sonne durch den Norden wandert - den sie ja bekanntlich bei uns seit Anbeginn der Zeiten meidet. Auch Sommer ist im Winter und der Winter hat noch nicht bis in diesen entfernten Winkel der Welt gefunden und so müssen diese Lücke Herbst und Frühling schließen.

Die Einwohner, mögen sie auch teilweise den Bewohnern der alten Heimat in einigen Äußerlichkeiten ähneln, sind ein gar merkwürdiges Völkchen. Sie haben, vermutlich obgrund ihrer Abgeschiedenheit, doch sehr obstruse aber auch liebenswerte Bräuche und Eigenheiten entwickelt.

In den endlosen Wäldern des Inselreichs treiben wunderbarste Kreaturen ihr Unwesen. Ungefährlich zwar, aber immer mit einem Bein am Galgen ihrer Ahnenreihe.

Diese fremde Welt verleibt sich den Reisenden wohl merklich mit bestimmten Eigenheiten ein - ohne sich daran zu stören, dass er doch auch immer in wieder anderen Facetten ein Gast bleiben wird. Nicht dass dieses Neuland der Gastfreundlichkeit abgetan wäre, aber ich muss Euch schließlich nicht erklären, werte Leser, dass der Mensch sich im Innersten niemals ändert.

Von dieser wunderlichen Welt möchte ich Euch heute erzählen.

Und hier fängt die Geschichte an.


~ Von einem der auszog, die Antipoden auf den Kopf zu stellen ~


Treue Leser werden mich soweit kennen um zu wissen, dass mich des Öfteren das Fernweh plagt und ich los ziehe, die entlegensten Gegenden dieser Welt zu erkunden. Aber vermutlich nur langjährigen Weggefährten dürfte auch bekannt sein, dass schon seit meinen ersten Reisen jenseits der großen Ozeane, der Plan in mir reifte, etwas tiefer in zumindest eine dieser fremden Kulturen einzutauchen. Denn so ist man doch selbst nach einem halben Jahr unter den Chilangos jedes Mal wieder verzückt, wenn man auf den Pfaden der Azteken und Maya wandert und bleibt auch für die ganze Zeit ein Extranjero - ein Besucher auf Zeit.

Ich wollte aber weiter gehen. Ein zu Hause haben. Mit Verdruss den Zwängen der Maloche nachgehen an einem verregneten Wochenbeginn im grauen Herbst. Selbstsicher durch die Gassen wandern nach einer durchzechten Nacht in den Tavernen. Mit Freunden am Wochenende Zeit verstreichen lassen. Der ganz normale Alltag - nur eben anders. Ein neuer ganz normaler Alltag.

Der Zeitpunkt des Beginns für dieses Unterfangen war klar, aber nicht der Ort. So kam es mir sehr gelegen, damals eine Gefährtin gefunden zu haben bei der es genau umgekehrt war. Und so fügten sich die ersten Teile des Gesamtwerkes.
Nach dem ersten Viertel der nunmehr 1001 Nacht, das mit dem Erkunden des Inselreichs gefüllt wurde, war es an der Zeit den nächsten Schritt zu wagen. Notgedrungen auch, da die Winde auf Nord drehten und Kalte Luft von den endlosen Eismassen des Südkontinents brachten. So wurde das Reisen an den kurzen, verregneten Tagen beschwerlich und auch um den Reichtum stand es nicht mehr so wie zu Beginn. Kein Wunder in einem Land in dem Flüssigbrot mit Gold aufgewogen wird. Und so besorgte ich mir eine Bleibe und eine Einkunft.

So begann es also. Weder aus dem Grunde der Flucht vor der Heimat noch war dies hier mein Ziel. Das hier Leben hingegen war es, was mich zu diesen abertausenden Schritten kopfüber bewegte.


~ Schritte in die neue Welt ~


Zuerst werde ich mich der Frage widmen, die ich bereits zuvor als Annahme aufgestellt habe: Der Unterschied zwischen einem Besucher des Inselreichs und einem der teilweise schon ein Teil des Teils, der einst Fremde war, geworden ist.

So kann ich schon vorweg nehmen: Ja es gibt ihn. Aber wie nun macht er sicht bemerkbar? In Schritten, kaum merklich, zeigt er sich nur hin und wieder in kleinen Geschehnissen die einen innerlich aufhorchen lassen.
Die oben erwähnten Äußerlichkeiten, wie auch mal einen verregneten Monat nur in den eignen vier Holzwänden zu verbringen und großer Weltliteratur zu fröhnen, während draußen der Herbstwind nur grauen Trübsal und triste Wolken bläst oder aber auch mit guten Freunden oder beim Arbeitgeber plötzlich in der Position zu sein den Neulingen selbstsicher die Wege durch die Katakomben zu weisen, treten von selbst ein, wenn man nur lange genug an einem Ort verweilt. Viel interessanter sind aber die Sachen, die einem zuerst gar nicht zwingend in den Sinn kommen.

Ein bekanntes Bonmot ist, man könne eine Sprache dann sprechen, wenn man Witze in ihrer verstehen würde. Nun, so ähnlich ist es auch, wenn man an einem fremden Ort langsam ankommt. Zuerst beginnt man Witze zu verstehen. Dass dieses bei Offensichtlichkeiten oder Klischees funktioniert ist keine Kunst. Das kann man auch als Reisender schnell aufnehmen. Allerdings gibt es auch eben diese Art von Humor, die Kenntnisse in einigen Bereichen und Eigenheiten erfordert und erst die Komibination dieses Wissens lässt einen schütteln vor Lachen, wo der Gast nur höflich lächelt. Bei mir kam die bewusste Erkenntnis, dass dies auch nun bei mir der Fall sei, während es darum ging neue Mottos für Städte zu finden und als Vorschlag wurde genannt: "Huntly - Should've taken SH 27." Zum Verständnis dieses wunderbaren Vorschlages Bedarf es nicht nur der allgemeinen Kenntnis des Ortes, sondern auch der Mentalität derer die den Spruch äußerte - jedem Zuhörer war ihre Herkunft und entsprechende Assoziationen sofort klar, ohne dass sie je genannt werden musste. Des weiteren war es von Nöten über einige Zeit Erfahrungen zumindest beim passieren der Region gesammelt zu haben. Ein Besuch in Huntly hingegen ist zum Verständnis absolut nicht notwendig.
Und ohne bewusstes Sinnieren, überkam mich umgehend ein ausgiebiger Freundenausbruch, dass ich vor Lachen fast vom Wege abgekommen wäre. Dieses tiefe Verständnis von Eigenheiten, Geschenissen und Situationen ist aber nicht nur der erste Schritt den hiesigen Humor in sich aufnehmen zu können, nein, in einem weiteren Schritt ist die logische Konsequenz ja dann auch, dass man selber diesen Humor äußert. Auch hier wieder nicht in Form der offensichtlichen Oberflächlichkeiten, die auch Gäste des Inselreichs erkennen.
Dereinst echauffierte ich mich über einen Teil der hiesigen Bewohner und nannte im Rahmen meiner Ausführungen auch eine Lokalität, die für mich einen ihrer typischen Aufenthaltsorte darstellte, in dem sie bei einem Glas Gerstensaft ihrer selbst genießen unter Seinesgleichen. Und siehe da, ohne es zu wissen war es meinem Zuhörer bekannt, das sich der moderne Ponsonbyer gerne im Chapel rumtreibt. Es bedurfte keiner weiteren Erklärungen um die Situation verständlich zu machen und man konnte sich gemeinsam feixend abgrenzen und positionieren.

Diese beiden Momente waren durchaus interessant auf meinem Weg vom Gast, der an der Oberfläche schwimmt, zum Anwesenden unter Einheimischen, der mitten im Getümmel mittaucht. Und wie Humorverständnis die Kenntnis einer gesprochenen Sprache anzeigt, so zeigte es hier meine Kenntnis der Eigenarten der Kiwis.

Ein weiterer Schritt vollzieht sich ebenfalls im Entzug des Bewusstseins bis zu dem Punkt, wo man erst durch äußere Reize wieder merkt, dass man sich an gewisse ehemalige Neuigkeiten gewöhnt hat, sie sogar in sich aufgenommen hat. So hatte ich ja bereits des Öfteren Besuch von Freunden aus der alten Heimat. Keine Kunst ist es, diese mit Worten und Details der neuen Umgebung zu überfluten, so dass diese schnell den roten Faden verlieren. Es ist nicht nur keine Kunst, sondern sogar eine unschöne Form der Arroganz, da sie ja lediglich dazu dient, sich abzugrenzen und sich als wissender als sein Gegenüber darzustellen. Dies gelingt einem schon nach wenigen Monaten oder gar Wochen und spricht nicht für Ortkenntnis.
Interessant ist hingegen, wenn man von seinen Besuchern freudestrahlend und voller Erstauen über absolute Alltäglichkeiten aufgeklärt wird und man sich im ersten Moment ein wenig über die Besonderheit dessen wundert. Erst beim zweiten Gedanken fällt einem der Moment ein, in dem man vor langer Zeit das selbe freudig überraschte Erlebnis wie der Gast hatte. In einer Zeit, als dies eben keine Alltäglichkeit war, sondern etwas, was man zuvor in seinem Leben noch nie gesehen, erlebt oder gehört hat. Eine Erfahrung die man selbst zum ersten mal vor nicht mal 1000 Nächten gemacht hat.

Aber es geht weiter. Im Laufe der Zeit, hat man nicht nur einige dieser Erlebnisse mit Besuchern, sondern man legt sich sogar ein kleines Reportoire an selbigen zu. Solche, von denen man weiß, dass der Gast sie gerne staunend erzählt. Und wenn einem beim nächsten Besucher der Schalk im Nacken sitzt, treibt man Schabernack mit ihm, indem man ihn kurzzeitig erschreckt mit Verhaltensweisen die hier usus sind, in der alten Heimat aber nicht Gang und Gäbe oder gar verpönt.
Und im Stillen freut man sich, dass man in den Anfängen selber so reagiert hat, sie daraufhin unmerklich übernommen hat und dann mitunter schon vergessen hatte, dass sie nicht in der ganzen Welt üblich sind.
Ich verzichte hier mit Absicht auf Beispiele - um zukünftigen Reisenden nicht die wunderbare Verwunderung zu nehmen.

Ich erzähle ja immer wieder gerne die Anekdote, als ich mit einem Freund aus Mexico und einem Spanier bei Freunden saß und wir zu Dritt unser Spanisch gepflegt haben. Mein Freund aus Mexico übersetzte dann regelmäßig, meist sogar ungefragt auf meinen verwirrten Blick hin, das spanische Spanisch in das Spanisch der Mexikaner, damit ich folgen konnte. Soweit, so logisch, da ich mein Spanischvokabular ja hauptsächlich aus dem Reich der Azteken hatte. Aber dann irgendwann übersetzte er auch mein Spanisch für den irritiert guckenden Spanier. Und das erstaunte mich schon ein wenig, dass ich offensichtlich einen Wortschatz hatte, der selbst muttersprachlichen Spaniern nicht geläufig war. Und zwar nicht Worte der Gossensprache oder eindeutige Lokalismen, sondern Worte und Phrasen von denen ich Stein und Bein geschworen hätte, dass sie Spanisch wären.
Nun ist mein Englisch auch weiterhin eine Zweitsprache und so schlage ich hin und wieder gerne mal im Laufe der Zeit gelernte Worte nach, um alle ihrer Facetten zu erfahren. Und es erstaunt mich doch immer wieder wie häufig dann bei der Erklärung das in eckige Klammern gesetzte "NZ" hinter der betreffenden Phrase zu finden ist. Und ich verfalle nicht diesem blöden Gesammel und Gestammel von den 10 Standard-Kiwi-Sätzen, die jeder Neutourist binnen weniger Wochen lernt, eher versuche ich diese zu meiden. Es sind eben jene, bei denen man wider besseren Wissens von bestem Oxfortenglisch ausgehen würde.

Und diese kleinen, nicht so offensichtlichen Erlebnisse, machen das Ankommen hier zwischen Alltag und Gewohnheit doch immer wieder ein wenig spannend, wenn sie einen innerlich Aufhorchen und äußerlich kurz inne halten lassen.



~ Abrechnung mit beiden Hemisphären ~


Ein Grund, jenes ferne Inselreich, in welchem ich gerade verweile, zu wählen, lässt sich wohl ganz gut mit deren oft kolportierter Selbstbeschriebung zusammen fassen, sie wären das Most Laid Back Country in the World. Ob ihre Gelassenheit nun wirklich an der Spitze der Welt steht, sei mal da hin gestellt. Aber der Unterschied zur Planungsvernarrtheit und penetranten, mürrischen Griesgrämigkeit der zuhaus Gebliebenen ist doch schon auffällig. Mehr als einmal nur wurde ich obgrund meines Handelns in der alten Heimat ja als "pragmatisch" oder "unkonventionell" betitelt.
War mir das Verhalten vieler Mitmenschen immer mal wieder etwas spießig vergekommen, merkt man hier doch umso mehr, dass man die Regeln in einer Unmenge von Bereichen selber machen kann, so man nur ein wenig mitdenkt und vorausschaut und auf seine Mitmenschen achtet, ohne dass die Gesamte Menschheit im Chaos versinkt. Und dies sowohl auch und eben grade wenn die Umgebungsbedingungen mehr Vorsicht gebieten, weil etwa Mutter Natur nicht bis ins kleinste Bisschen gezähmt ist. Das wichtigste Sicherheitsuntensiel im Überlebenskampf sind wohl immernoch das Gehirn und der Mund. Wobei natürlich auch ein Mindestmaß an Anpassungsfähigkeit und Spontanität nicht schaden.

Und Gebrauchsgegenstände? Werte Leser, warum nennt ihr sie "Besitz" so es keine Couch oder keine Gartenbank ist? Was sich bewegt hinterlässt Spuren - Gebrauchsspuren eben. Und was keine hat, hat sich offensichtlich wohl nie großartig unter eurem Hintern hevor bewegt: Und dann ist es schade um das schöne Geld, welches ihr darin investiert habt.
Versteht mich nicht falsch, ich rede hier bestimmt nicht von Achtlosigkeit vor dem eignen eigentümlichen Eigentum oder gar anderer Leute Schätzen, aber auch 1 Kilo Gold mit einer Delle wiegt immernoch 1000 Gramm. Es eignet sich wunderbar als Briefbeschwerer oder um unliebsame Zeitgenossen für eine Weile ruhig zu stellen. Die Delle also ist kein Schaden an sich. Aber natürlich, wenn sich jemand ungefragt eine Ecke abschneidet, und sei sie noch so klein, ist dies eine Vendetta wert, da nun seine Funktion 1kg Mehl für euren Lieblingskuchen abzuwiegen nicht mehr gegeben ist. Und bei Kuchen hört bekanntlich der Spaß auf.
Vielleicht lässt sich mit obrigem Beispiel ganz gut die Sichtweise des gemeinen Kiwis auf sein Hab und Gut beschreiben: Ein entspannter aber dennoch nicht respektloser Umgang. Und nutzt es wozu es da ist, anstatt seinen tristen Verkaufsstatus zu vergöttern.

Bei einer Sache tue ich mich auch nach all diesen Tagen und Nächten noch schwer. Dem Verständnis von Grund und Boden. Wenn man Zeit lebens gelernt hat an fremden Toren zu klingeln und auf Einlass zu warten, fällt die Gewöhnung daran, Grund und Boden anderer einfach so zu betreten, doch schwer. Zum Glück ist die Erfindung des mobilen Funkapparates hier angekommen, so lässt sich auch ohne Klingel die eigene Ankunft dem Gastgeber mitteilen. Nicht das dies erwartet werden würde oder nötig wäre - die Türe steht ja offen - aber so verhindert es doch, dass ich Stunde um Stunde zweifelnd am Tor warte.
Nur sollte ich wohl, wenn ich alsbald zurück komme, schnellstmöglich wieder lernen, wozu Schlösser da sind, denn nicht in allen Teilen dieser Welt schützt eine zue, aber nicht abgeschlossene Tür vor Langfingern.

Allerdings lernt man hier nicht nur Tugenden. Zwei Dinge fallen auch dem Gast hier sofort auf: Hilfsbereitschaft und Höflichkeit. Und mag die zwecklose Hilfsbereitschaft, wenn auch anfangs stark irritierend, noch annehmenswert sein [und sei es nur um andere Berliner zu verwirren], ist die Höflichkeit zum Kotzen. So mir jemand auf den Fuß tritt, gehört es zum guten Ton ihn mindestens mit einem tötenden Blick zu strafen oder aber am Besten sich nach den Nachtschattengewächsen auf seinen Glotzern zu erkundigen. Aber bei Belzebub und Satan nicht, sich zu entschuldigen. Mein Fuß stand da! Das war sein recht und kein Versehen. Und auch wenn das nun sowas von offensichtlich ist, nicht im Chor mit dem Treter "Sorry!" zu sagen, schleicht sich diese widerliche Unart im Laufe der Zeit ein. Und man bekommt sie nur so schwer wieder los.
Ich erlaube hiermit alljenen, denen ich bei meinen kommenden Reisen in die alte Heimat ein nicht angebrachtes "Sorry!" an den Kopf werfe, dies mit einem ordentlichen Rippenstoß zu beantworten. Nein, ich bitte sogar darum.

Eines habe ich noch nicht zufriedenstellend über meine Gastgeber rausgefunden: Wie sie sich denn vermehren. Denn obwohl die weiblichen Kiwis als erste der Weltgemeinschaft wählen durften und sich sonst auch für kaum etwas zu fein waren schon in relativ frühen Zeiten, so haben sie doch beschlossen beim Dating & Mating im Geiste in Zeiten zu verweilen, von denen man meinte sie seien vorbei. Nicht nur, dass sie größtenteils auf ihren Traumprinzen hoffen und es nur Alles oder Nichts gibt, man also am besten schon vor dem ersten Treffen ein gemeinsames Haus kauft mit Platz für Kind und Hund, nein, auch überlassen sie jede Initiative dem männlichen Gegenüber. Selbst jene, welche im Gespräch so wirkten als würden sie ihr Leben selbst bestimmen, scheinen sehr viel Zeit darauf bedacht zu haben, Männer-ignorieren zu üben und es so zur Perfektion gebracht.
Sollte jetzt der schüchterne Teil meiner weiblichen Leserschaft mit dem Gedanken spielen mal das Reich der Kiwis zu besuchen, um sich angeln zu lassen, so muss ich davon abraten. Das würde ein reichlich nutzloses und deprimierendes Unterfangen werden. Denn auch wenn hier die Initiative voll und ganz beim Manne liegt, so ähnelt der männliche Kiwi in dem Punkt weniger dem Latino und mehr dem Finnen. Zum Glück gibt es Bier und Einwanderung. Ersteres führt dazu, dass auch Kiwis manchmal einen Partner finden und dann auch gleich behalten. Auch wenn beide Seiten nicht mehr ganz so genau wissen wie und wann es eigentlich dazu kam. Zweiteres führt dazu, dass die hiesige Bevölkerung in der Zwischenzeit zwischen der Scheidung und bis der Kiwi dann mal wieder sein Glück im Suff findet, das Bevölkerungswachstum nicht komplett stagniert.

Da nun die Klamotten meist anbleiben, hat der Kiwi eine relativ entspannte Haltung dazu entwickelt. In der alten Heimat gibt es ja endlose und sinnlose, meist ungeschriebene Regeln wie man sich in der Öffentlichkeit zu bewegen hat. Wenn man hier nach der Maloche auf dem Weg nach Hause noch Besorgungen machen will und die stahlbeschlagenen Arbeitsschuhe schon in den Fond der Kutsche geworfen hat, würde kein Mensch hier erwarten, dass man sie wieder anzieht um durch den Einkaufsmarkt zu schlendern. Auch ist es nicht vonnöten sich fein herauszuputzen nur weil man das Haus verlässt, eine gemütliche Freizeithose tut ja auch ihren Job und wenn das Gör nunmal im Bademantel rumlaufen will, dann kann es das gerne machen.
Aber wo dann die Prüderie der Kiwis den Ordentlichkeitswahn der Heimat ganz schnell einholt, ist wenn es darum geht, wenn man nur mit dem bedeckt ist, was einem Mutter Natur mit auf den Weg gegeben hat. Schnell hat sich ein Mistgabelmob formiert und man sollte sich entweder schnell bedecken oder schnell laufen. Einzige Ausnahme für Nacktheit is begründete Nacktheit. So wurde einst ein nackter Kiwi von der Gendarmmrie festgesetzt und in den Kerker geworfen, weil er sich zeigte wie er zur Welt kam. Der Protestzug der deswegen und daraufhin jährlich stattfindet darf allerdings nackt sein, da dieser das ja als begründete Form der Auflehnung unbedeckt durch die Stadt flaniert.


Falls sich der geneigte Leser nun wundern mag, wofür der Kiwi denn so alles Zeit hat und ob er keine anderen Sorgen habe, dann sei ihm gesagt, nein, hat der Kiwi nicht. Die Geschichte dass meine Freunde aus Napier es mit ihrer verlorenen und wieder gefundenen Katze auf die Titelseite der Lokalpresse geschafft hatten, hatte ich ja schon in einer früheren Geschichte erzählt. Aber neulich war dann wieder einer dieser Tage, an denen man merkte, dass dieses Inselreich tatsächlich noch weit ab von den großen Problemen der Weltgeschichte liegt. Erst hatte es der Ausbau des Einkaufsmarktes bei mir um die Ecke auf die Titelseite der größten Postille des Landes geschafft, inklusive eines exklusiven Interviews von zwei Anwohnern, die ihn nun zu groß fanden. Hier sei erwähnt, dass es sich um einen ganz normalen Einkaufsmarkt handelt, welcher sich durch nix besonderes auszeichnet. Dann später wurde im Rundfunk lange und ausführlich erörtert, dass an jenem Tage 72 Strohballen auf der Südinsel entwendet wurden mit Erwähnung der speziell eingerichteten Kontaktnummer der Gendarmerie, so denn jemand etwas gesehen oder gehört hätte. Vermutlich die Sonderkommission Wieso-liegt-denn-hier-kein-Stroh.


~ Neue Erkenntnisse aus der neuen Welt ~


Aber man lernt nicht nur Dinge über die hiesigen Gegebenheiten, sondern lernt auch interessante Dinge über sich und die eigene Kultur. So ist ja bekannt, dass die Welt den Deutschen daran erkennt, dass er nackt mit einem Bier in der Hand in seinem BMW mit 220km/h über die Autobahn zum Würstchen-Grillabend fährt. Aber neben diesem offensichtlichen und total üblichen Verhalten, gibt es auch noch unbekanntere Eigenheiten, die ich vorher so nicht als typisch erachtet hätte. So habe ich mehere Male bereits von Leuten aus aller Herren Länder erfahren, dass der Deutsche anscheinend eine wunderbare Haut hat, ohne jedwede Imperfektionen. Und hier ging es um deutsche Haut allgemein. Dies war mir nicht bewusst und noch weniger, dass das vielerorts bekannt ist. Auch scheint der deutsche Dialekt auf zumindest einige Personen, aber ebenfalls aus aller Welt, sehr erotisch zu wirken. Ich wäre vom Gegenteil ausgegangen. Aber nun gut, auf der anderen Seite weiß ich natürlich auch nicht, welchen Praktiken jene Personen so hinter verschlossenen Türen nachgehen - es gibt ja bekanntlich alles mögliche in diesen modernen Zeiten. Aber auch dies waren allgemein geäußerte Aussagen über den Teutonen an sich.
Aufgrund der erbärmlichen Höflichkeit der hiesigen Einwohner erfährt man allerdings leider nicht, was sie denn am Germanen nicht mögen. Allerdings hoffe ich, dass unsere Direktheit dazu zählt, mit der man den gemeinen Kiwi schnell verunsichern kann.
Auch ist den meisten Einwohnern Alemaniens geläufig, dass wir im Ausland schnell gutes Brot vermissen und man den meisten fremden Freunden erstmal den Augenkontakt beim zuprosten beibringen muss. Allerdings ist es auch interessant zu sehen, dass es anscheinend sehr, sehr tief sitzt mit jedem neuen Getränk anstoßen zu müssen. Ich hatte mich ja schon früher echauffiert, dass hier nur mit dem ersten Getränk auf gemeinsame Gesundheit und Wohlbefinden angestoßen wird und es auch irgendwann aufgegeben diesen ungehobelten Wilden ein wenig Kultur beizubringen. Aber hin und wieder kommen alte Gewohnheiten doch durch und dann sitze ich da und warte geduldig auf eine Gesprächspause oder stoße mein Getränk an der eignen Faust an, da ich es nicht übers Herz bringe, den ersten Schluck zu nehmen ohne ein Salut auf die Santé.

Woran man sich allerdings recht schnell gewöhnt ist Natur um sich zu haben. So gibt es ja in den hemischen Gefilden keine Natur mehr. Selbst die nationalen Schutzgebiete sind kultiviert und aufgeräumt und selbst vom Zentrum der kleinen Flecken, wo der Mensch mal nicht seine Finger im Spiel hat, ist der nächste Einfluss des Menschen nur einen Steinwurf entfernt. Schnell wurde es hier usus mal kurz vor der Zivilisation zu fliehen. Bei einem Lagerfeuer in einem echten Wald oder an einem echten Strand unter einem echten Sternenhimmel, darüber zu sinnieren, dass man erst so weit reisen musste um so wenig reisen zu müssen, wenn man mal weg will vom Menschen und seinem Werk. Und interessant eben auch wie lange man Wälder, Strände und den Nachthimmel in der Heimat als kaum vom Menschen beeinflusst betrachten kann. So sehe ich jetzt auch meine Heimat mit anderen Augen und weiß schon, was ich wohl am meisten vermissen werde, wenn es mich wieder für längere Zeit in die Heimat zieht.

Die ganze Unternehmung hat für mich die Welt gleichzeitig gefühlt kleiner und größer gemacht.
Kleiner ist offensichtlich. Immerwieder treffe ich hier Leute für die eine Reise in so weit von der Heimat entfernte Gefilde ein erfüllter Lebenstraum ist. Ich pendle Allerdings nun alljährlich zwischen den Hemisphären hin und her. Waren für mich früher die langen Reisen mit dem Luftschiff in fremde Länder eher eine lästige Strapaze die man auf sich nehmen musste, so ist es jetzt normal geworden. Stunde um Stunde über den Wolken, zwischendrin endloses blau oder grünbraun. Das Wandeln und Warten an den immer anders und eben doch gleich wirkenden Knotenpunkten und die Ruhe bei Unvorhergesehenheiten auf der Reise. All das ist im Laufe der Zeit doch so vertraut geworden ist.
Aber eben auch ein Gefühl der Größe ist dazu gekommen. Nun wusste ich auch bereits vorher, dass unsere Welt eine andere Seite hat, wo die Menschen nicht nur kopfüber laufen, sondern auch Tages- und Jahreszeiten vertauscht sind. Aber seit ich hier vertraut mit meiner Umgebung bin, habe ich das bloße Wissen darum, um das Gefühl dafür erweitert. Das ist etwas schwer zu beschreiben, daher lasst es mich kurz an zwei Beispielen erklären.
Als ich hier am Morgen des ersten Tages anno 2016 aus meinem Schlafgemach krabbelte und den Maorikindern beim über den Strand reiten zuguckte und mich über die erste Sonne des neuen Jahres freute, wurde mir plötzlich klar, dass in der Heimat noch der Abend davor ist. Noch das alte Jahr. Erinnerungen kamen hoch wie man in den Jahren zuvor mit Freunden in der Wohnung saß und die ersten Biere öffnete. Der Blick vom Balkon kam mir in den Sinn, mit den fast konstanten Feuerwerksexplosionen in den Straßen lang vor Mitternacht, ein Gefühl der kalten Nachtluft kroch über die Haut und der Geruch von Schnee und Schwarzpulver stieg mir in die Nase. Ich wusste und fühlte genau, was just in diesem Moment auf der gegenüberliegenden Seite der Welt passierte. Ich konnte förmlich spüren was auf der anderen Seite gerade passiert. Nicht aufgrund höherer Mächte oder Wodkaresten in meinem Körper, sondern, weil ich genau das all die Jahre davor, zu genau dieser Zeit gemacht habe. Und es war genau das Gegenteil zu dem Bild was sich mir bot. Sommersonne statt Schnee. Strand statt Straßenabahn. Pazifik statt Häusermeer. Und Frische Luft statt Schwefelduft.
Aber auch die regelmäßige Korrespondenz mit der Heimat führt irgendwann zu einer interessanten Wahrnehmung für Sonntagabende die es so woanders noch gar nicht gibt. Frühlingsgefühle in der Herbstsonne, weil man gerade über Reisepläne für den anstehenden Besuch der Zurückgebliebenen gesprochen hat. Und wie oben erwähnt wusste ich schon vorher, dass die Sonne sowohl im Herbst als auch im Frühling die gleiche ist und das was sie in unserm Inneren anstellt auch aus unserm Inneren kommt, aber interessant es auch mal zu direkt spüren.


~ Abschließende Worte ~


Diese Reise in eine neue Welt, in der ich nicht mehr nur als Gast verweile, ist wohl etwas das man nur schwerlich vermitteln kann mit diesen meinen Worten. Aber dennoch hoffe ich, meine Leserschaft kann sich zumindest ein Bild aus allen meinen Anekdoten zusammen basteln - jeder sein eignes für sich selbst in seinem Kopf.
Für mich war und ist es die wohl größte und spannenste Unternehmung bisher. Und damit ist mir auch gleichzeitig das Gelungen, wofür manch einer seine ersten fünf Leben benötigt - das erste Lebensziel erreicht. Ob das nun uneingeschränkt gut ist, ist schwer zu sagen, da es ja bekanntlich besser ist hoffnungsvoll zu reisen, als anzukommen. Aber dann kann man sich ja einfach wieder auf die Reise machen. Allerdings erstmal ausschlafen, morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Einfach war es auch, zumindest den ersten Schritt zu wagen, wenn man dem Motto der großen Literaten Icke & Er folgt: "Mach et einfach." Wenn es auch nicht jedermans Sache sein mag, aber denjenigen die auch schon mit diesem Gedanken gespielt haben oder für die es ebenfalls ein lang gehegter Traum ist, ist es definitiv ans Herz zu legen. Erwähnen muss ich wohl nicht, dass es nicht eignet um zu flüchten, da man sich ja selber mitnimmt und wie schon eingangs erwähnt man selbst immer nur man selbst bleibt. So man aber seinen Horizont erweitern will, ist eine Reise diesen Umfanges wohl eine der besten Möglichkeiten eben dies zu tun.

Werte Leser, ich sehe es ist schon spät. Die Glut hat die letzten Scheite bereits in Gänze durchzogen. Ich werde also alsbald ins Land der Träume eintauchen und ihr müsst wohl bald aufstehen und endlich mal zur Arbeit.

Und so, in Anlehnung an einen alten Freund, schließe ich nun meine Erzählungen mit den Worten des Reisenden zwischen den Welten:


Ich werd hier weiter Abenteuer finden,
Auf Hermes Wink nicht rasten und nicht ruh'n,
Wenn wir uns drüben wieder binden,
Will ich mit Euch das gleiche tun.