26 November 2017

Papua Neuguinea - Arbeiten an der Grenze der Zivilisation

Kommt einer der wichtigen Chefs ins Büro und meint zu mir und 'nem Kollegen: "Wir brauchen jemanden, der schnellstmöglich nach Papua Neuguinea fliegt. Wir ham da'n Problem."
Kollege: "Nee!"
Icke: "Ja, klar!"
Chef: "Okay, dann besorg dir'n Arbeitsvisum und sobald Du das hast, Flug für'n nächsten Tag buchen."
Chef geht.

Bin dann den ganzen Tag mit einem anderen Chef beschäftigt, rauszufinden, welches Arbeitsvisum ich brauche und das zu beantragen. Im Laufe des Nachmittags fällt mir dann auf, dass ich gar nich weiß, was ich Papua Neuguinea [oder "PNG", wie es bei den coolen Kids und sprachfaulen Kiwis heißt] machen soll. Frage also den ersten Chef, was ich denn da machen soll. Chef weiß es nicht. Immerhin weiß er, es is eilig, weil wir haben da grade einer Firma [Pacific Helicopters] drei Helikopter verkauft, es gibt Probleme, die brauchen jemand und ich solle einfach for Ort nachfragen, was genau ich tun soll. Ähmm.. okay, warum auch nicht.

Und so sitze ich eine Woche später im Flieger über Brisbane [Australien], Port Moresby [Hauptstadt von PNG] nach Goroka [im östlichen Hochland]. Auch wenn sich die Kollegen sehr viel Mühe gegeben haben, mir Angst zu machen und auch jeder zweite von der Heimatfront mich erstmal ausgiebig vor den Kannibalen gewarnt hat - nun habe ich ja dummerweise schon etwas Reiseerfahrung und wie immer gilt: Vorher informieren und vor Ort gesunden Menschenverstand benu... na zumindest nich ganz so dämlich anstellen wie im normalen Leben. Goroka und das umliegende östliche Hochland is relativ sicher. Jeden Tag 25 - 28°C. Wenig Mücken [also kein Malaria, Denguefieber, Zika] auf 1.600m Höhe.  Hotel is gebucht und mich holt schon wer vom Flughafen ab. Hoffentlich... denn mein Begleitkollege der schonmal in PNG war und mich beschützen sollte is nich im Flugzeug. Immerhin habe ich ein Diensthandy, allerdings keine Nummern eingespeichert. Die Hubschrauberteile die mein Kollege durch den Zoll bringen sollte, muss ich dann auch wohl auf eigenes Risiko ins Land einführen. Also nix illegales natürlich, aber ich sollte trotzdem in Australien Bestechungsgeld abheben.... hmmm. Nun gut, wird schon irgendwie.

Was mir als erstes in PNG auffällt. Die der Buschfunk funktioniert. Ich wechsle vom Internationalen Terminal zum Nationalen Terminal [klingt jetzt größer als es is =) ] und schnatter da kurz mit dem Einlasser/Wachschutz. Drinne is Taschenkontrolle und wie von Geisterhand, weiß die Frau hinter der Röntgenmaschine, was ich draußen dem Security erzählt habe. Vermutlich weiß schon halb Port Moresby, dass da ein Weißbrot gelandet ist und nach Goroka weiter will. Was auch noch auffällt, kaum andere Weiße und keine Touris - angenehm.

Nach Goroka geht's mit einer kleinen Dash-8...

Ich glaube ich fange jetzt mal an Hollywood-Schriftzug-Kopien zu sammeln... scheint es so einige in der Welt zu geben

Auch wenn Port Moresby die Hauptstadt is, isses nirgends so wirklich Stadt... auf einer mittelgroßen Fläche hingewürfelte Häuschen mit viel grün dazwischen

...nur wenige asphaltierte Straßen...

...dafür viel Berge und Meer

Und irgendwann beginnt undurchdringlicher Dschungel... und der is wirklich undurchdringlich. Es gibt keine Straßenverbindung von Nord nach Süd. Das Gebirge in der Mitte teilt das Land in zwei Teile. Geht nur per Flugzeug oder zu Fuß. Per Boot is auch sinnlos, wenn man sich die Mäander anguckt. Umso krasser in Anbetracht dessen, dass die meisten Leute da ja kein Geld für Flugzeug haben. Und nicht nur Nord und Süd ist getrennt: Auch noch heute haben da viele gar nich mal so kleine Orte keine Straße woandershin... Maximal 'ne Graspiste zum landen oder sogar nur ne Wiese für Hubschrauber

Weil die Dash-8 nich besonders hoch fliegt, kurvt sie um die riesigen Wolkentürme im zentralen Hochland drumrum. Das ist fast wie tauchen in einem Korallenriff mit den endlos hohen zerklüfteten Wänden links und rechts. Ich gucke die anderthalb Stunden Flug die ganze Zeit einfach nur fasziniert ausm Fenster... wenn man nicht um die halbe Welt muss, macht Fliegen auf diese gemütliche Art echt Spaß.

...irgendwann wird der Dschungel unter mir wieder fleckiger - wir nähern uns Goroka.

Das sind die Vororte von Goroka... fast wie Marzahn. Die Berge im Hintergrund sind übrigens die Bismarck-Range, noch aus Zeiten der deutschen Kolonialisierungsversuche im Pazifik. Die Berge in der Umgebung heißen Mt Wilhelm und Mt Hagen. Bis Goroka selber haben es die Deutschen nie so wirklich geschafft glaube ich: War damals zu unzugänglich

Das ist Zentralgoroka... ich frag mich langsam wo die angeblichen 15.000 - 20.000 Einwohner wohnen.


Der Flughafen, der übrigens nur auf Sicht angeflogen werden darf [so mal zur technischen Ausstattung], überzeugt durch Einfachheit. Das Gepäckband ist ein großer Tisch mit einem Dach drüber - funktioniert auch.

In der Tat holt mich jemand ab. Dann geht's erstmal in die Firma. Ich kann grade meinen Laptop auspacken, da is auch schon Dienstschluss und ab geht's mit den Kollegen zum Goroka Aero Club [anscheinend hat wirklich jede Landepiste ihren eignen Aero Club] und Feierabendbierchen. So gefällt mir eine Dienstreise.
Da wird dann die Abschiedsparty für einen Kollegen am Wochenende geplant. Und es geht um irgendwas mit "Magic Stick". Ich will wissen was das is. Die Kollegen gucken mich nur an: "Keine Sorge, hier is Social-Media-Verbot." Eine Antwort, die zwar auf der einen Seite beruhigt, auf der anderen aber natürlich doch auch Fragen offen lässt.
An dem Abend lerne ich dann noch, dass Goroka sogar einen Yacht Club hat, auch wenn das nächste schiffbare Gewässer hunderte Kilometer entfernt is.

Dann geht's ins Hotel. Da schlafen alle: Die Mechaniker im Machnikerhaus. Die Piloten im Pilotenhaus. Die Aushilfskollegen [wie ich] im Hotel... allerdings ist da bei mir irgendwas schief gelaufen und ich bekomme eine Suite von allen anderen getrennt durch einen romantisch rauschenden Bach. Meine Theorie ist ja: Der Chef vom Hotel [der Bruder vom Chef von Pacific Helicopters] soll angeblich Mechaniker hassen, besonders neuseeländische Mechaniker. Nun ist mein Name aber relativ unneuseeländisch, vielleicht wurde ich deshalb upgegradet?

Nicht zu sehen, große Küche, großes Bad und riesiger Fernseher... alles im Obergeschoss. Und in jedem Raum rote Schalter - Kollege klärt mich auf: "Das sind Rape-buttons. Wenn Du nachts mal nicht überfallen und ausgeraubt wirst, kannst Du da drauf drücken und dann macht das das Hotelpersonal." ...also wirklich jeder Komfort den man sich wünschen kann.

Wer jetzt aber denkt, weil ich gestern gleich erstmal das lokale Bier testen war [das gute SP], dass hier ein Lotterleben herrscht und ich den ganzen Tag in der Hängematte sitze, den muss ich leider enttäuschen. Bei Pacific Helicopters wird sieben Tage die Woche, jeden Tag 10 Stunden gearbeitet. Also gut, mittags is eine Stunde Pause. Dafür haben die da 4-weeks-on-4-weeks-off. Also nach 4 Wochen durcharbeiten, hat man einen Monat frei und kann die Zeit entweder mit der Familie verbringen oder rumreisen. Quasi wie auf Ölförderplattformen oder so. Macht auch Sinn weil die Kollegen aus aller Welt kommen. Klingt schon spannend und jeder da unten meinte auch: "Wennde ma damit anfängst, kannste nich mehr zur 5-Tage-40h-Woche zurück: Zu eintönig und zu wenig frei."

Meine Aufgabe für die nächsten 10 Tage is Flugzeuginvestigator spielen. Einer der Hubschrauber, von denen die wir an Pacific Helicopters verkauft haben, hatte ein mehr schlecht als recht gepflegtes Logbuch. Hierzu sei kurz erwähnt, für die Luftfahrtunkundigen: Fluggerät ohne Logbuch is nix wert, weil es es da ganz viele Teile gibt die eine maximale Lebensdauer haben [und wenn die rum is, muss man die wegwerfen, ob sie noch gut sind oder nich] und das teure auch nicht der Hubschrauber an sich is, sondern die Wartung und wenn man nicht weiß, wann die letzte Generalüberholung war, muss man davon ausgehen, dass sie vor dem nächsten Flug ansteht und alle Teile mit maximaler Lebensdauer wegschmeißen.Wenn ihr einen Hubschrauber also am Weiterfliegen hindern wollt, müsst ihr gar nich so umständlich wie in Actionfilmen immer gezeigt das Ding mit einem Raketenwerfer vom Himmel holen: Einfach Logbücher das Klo runterspülen und gut is.

Und ich muss jetzt das Logbuch vervollständigen. Zum Glück kenne ich inzwischen doch so einige Leute die Ahnung, Erfahrung und Zugang zu Wartungsarchiven haben und so kann man sich peu á peu die historischen Daten zusammen klamüsern. So'n Hubschrauber und seine Komponenten kommt nämlich ordentlich rum in der Welt. Und so'n bisschen eignes Grundwissen und Erfahrung habe ich ja auch schon gesammelt.

Und selbst die Zeit früher als Testingenieur hilft: Unstimmigkeiten ne Meile gegen den Wind riechen und dann so lange nachbohren bis man weiß, was genau Phase is, und das dann dem Verursacher technisch höflich verklausuliert vorhalten: Endlich verdiene ich mal wieder mein Geld als pedantischer, rechthaberischer Pain-In-The-Ass =)

Man merkt sofort, dass das Arbeitsklima da sehr pragmatisch is. Es geht darum, Sachen zum laufen zu kriegen und man hilft sich gegenseitig. Also finde ich mich auch echt schnell zurecht. Wenn ich zum Beispiel Teile am Hubschrauber mit dem Logbuch abgleichen will und da einen der Mechaniker frage, gibt er mir Schraubzieher und zeigt mir was ich abbauen muss, um an die Teile ranzukommen. Ach na und wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch gleich noch den Flugcomputer mit den aktuellen Flugstunden programmieren, schließlich hab ich die ja grade recherchiert und der Vorbesitzer hat anscheinend die letzten 100 Flugstunden die Sicherung vom Computer draußen gehabt. So lernt man ziemlich schnell viel Neues und kommt auch mal aus'm Büro raus...



Das Bild fasst PNG ganz gut zusammen: Pflanzen, Stacheldraht und selbstgemalte Schilder: Natur is allgegenwärtig, Absicherung gegen Kriminalität an jeder Ecke, Alles mögliche wird hier noch von Hand gemacht, weil es sonst unbezahlbar is, das ranzukarren

Blick übers Vorfeld

Hangar 2: Die Gute in der Mitte [blau-weiß-rot], das ist mein Problemkind

Da ich nicht wirklich dazu komme das Land und die Natur zu erkunden [jeden Tag Arbeit und PNG is kein Land, wo man ma einfach so auf eigene Faust im Dschungel spazieren geht], hier mal ein Foto aus meiner Hotelanlage ... so sähe der Dschungel in PNG aus


Dieser Bach [denkt euch einfach den Müll weg] floss genau vor meiner Suite, also hatte man in der Nacht voll das Dschungelfeeling


Und ich habe sogar etwas von der Fauna mitbekommen: Gecko jagt Zikade [großer, brauner Fleck rechts unten]... Boah ey, und die Zikaden da - also ich hatte ja hier in NZ schon, dass die wirklich ohrenbetäubend laut sind - aber der Ton den die in PNG machen... garnich mal so laut, aber krass was ein Insekt mit seinen Beinen für einen Sound machen kann. Musste ich mir auch erst von Kollegen erklären lassen, was das is, weil ich das niemals einem Insekt zugeordnet hätte.

Das sieht man, wenn in Goroka landet... einfach von der Landebahn geschoben und aus dem Sinn

Beginn der Regenzeit im östlichen Hochland

PNG war lange Zeit noch Steinzeit und ist es auch noch vielerorts. Allerdings hat das Land sehr viele Bodenschätze. Also kamen da westliche Firmen hin und haben angefangen das Land auszubeuten, wovon die Einheimischen nix hatten. Bis sie die Schnauze voll hatten und rebelliert haben. Daraufhin hat der Staat einige sinnvolle Gestze erlassen: Hohe Steuern auf alles, was ausgeführt wird und jede Firma muss mindestens 80% Einheimische anstellen. Nun hat ja schon Neuseeland ein Problem Luftfahrtfachkräfte ranzubekommen, aber PNG hat gar kein Ausbildungssystem so wirklich, also gab es bei mir in der Firma einen Hofstaat an Leuten die Hubschrauber waschen, den Garten pflegen oder putzen. Und eben auch ein paar Mechaniker aus PNG, die quasi in der Firma ausgebildet werden. Aber auch das ist nicht ohne Probleme. Viele Einheimische ballern sich den ganzen Tag mit Bethelnuss [Buai] zu. Jeder Zweite der einen angrinst hat rote Zähne vom Buai kauen und überall auf der Straße sind getrocknete Flecken roter Siffe. Ich konnte das erst nicht zuordnen aber das ist ausgespucktes Buai. Und wenn die erstmal damit anfangen is das ein Bisschen so, als würde bei uns jemand Tag-ein-Tag-aus kiffen. Permanent breit, antriebslos und nix gebacken bekommen. Und einige die am Anfang echt das Zeugs hatten sind jetzt ihren Job wieder los, weil sie irgendwann nicht mehr zur Arbeit kamen.
Und denen die gut sind, kann man auch nicht einfach mehr zahlen um sie zu halten, weil es dann Ärger von der Gemeinde gibt, warum sie denn jetzt mehr verdienen. Also versteht mich nicht falsch: So einige der einheimischen Kollegen machen ihre Sache echt gut und sind wichtiger Teil der Firma, aber es gibt eben doch auch eine Menge Probleme. Und in PNG sind 90% arbeitlos und leben von dem, was sie in ihrem Garten anbauen.
Die Steuereinnahmen aus den Bodenschätzen versacken in den Taschen der Politiker. Korruption ist allgegenwärtig. Regelmäßig baut die Polizei irgendwo Check-Points auf zum abkassieren. Unseren Firmenbus lassen sie immer passieren, weil sie ja sonst von irgendwem Ärger bekommen könnten.
Und genauso wie in Mexiko sind die Bullen nicht nur korrupt, sondern man tut alles, um ihnen aus dem Weg zu gehen.
Vor einiger Zeit ist ein Polizist mal Nachts besoffen durch Goroka gerannt und hat [je nachdem wen man fragt] entweder Leute grundlos zusammen geschlagen oder angeschossen. Daraufhin hat sich ein Lynchmob gebildet und den Bullen tot gehauen. Am nächsten Morgen wussten die Kollegen schon, ohne die Geschichte bis dahin zu kennen, dass was komisch ist, weil ganz Goroka voll mit Polizei war. Die haben dann einfach angefangen wahllos Leute zu erschießen und zu verprügeln bis ihnen jemand sagt, wer an dem Mob beteiligt war. Die Kollegen saßen den ganzen Tag auf Arbeit und haben die Schüsse und Maschinengewehrsalven gehört und am Abend waren sechs Leute in Goroka tot - ob's die Leute vom Lynchmob waren ist vermutlich unrelevant.
Langsam verstehe ich die Aussage von einem Kollegen gleich am ersten Tag: "Wenn du irgendwo laute Stimmen oder Streit hörst: Einfach umkehren und in die andere Richtung laufen - Du willst da nich dazwischen geraten."
Ich habe da im Laufe der Zeit einige krasse oder surreale Geschichten gehört... Aber genauso typisch ist auch wieder der Gegensatz, wie freundlich die Leute an sich sind.
Einen Abend bin ich mit einem Kollegen zurück zum Hotel gelaufen, weil er nochmal über den Markt wollte und ich mal raus aus den Stacheldraht umzäunten Inseln. Goroka ist zwar sicher, aber er meinte trotzdem, wir nehmen seinen Guard mit, weil dann können wir noch ein bisschen Tok Pisin [das Pidginenglisch da] lernen. Bei "Guard" dachte ich jetzt erstmal an einen jungen, kräftigen Mann. Am besten mit Machete oder so. Nix da, kommt ein uraltes, klappriges Väterchen um die Ecke. Ha, aber das is bestimmt so'n Kungfuopa, wa? Mein Kollege meint nur: Nee, wenn da wer böses kommt, guckt Thomas [unser Guard] den nur an und dann rennt der weg. ... ...ich zweifle ein wenig an der geistigen Verfassung meines Kollegen. Aber als wir losgehen verstehe ich ziemlich schnell, wie das hier funktioniert. Fast jeder in Goroka kennt Thomas, und da mein Kollege und ich als einzige Weiße sofort überall auffallen, bekommen auch alle irgendwie mit, dass wir Freunde von Thomas sind. Also würde uns keiner was tun. Und wenn doch wer auf doofe Gedanken käme, dann würde der Rest der Gemeinde ganz schnell dafür sorgen, dass den Freunden von Thomas kein Haar gekrümmt wird.
Ich lerne nicht viel Tok Pisin, aber immerhin: "Awenun" [Afternoon] ... Das is die Nachmittagsbegrüßung. Und die meisten Leute freuen sich sowieso schon, wenn man sie anlächelt, aber wenn man dann auch noch ihre Sprache spricht bekommt man immer ein breites Grinsen und ein "Awenun" zurück. Das viele Leute erst skeptisch sind, liegt bestimmt daran, dass Weiße hier eben den Ruf haben für westliche Firmen zu arbeiten und nur die Bodenschätze aus dem Land zu rauben und dafür nix zurück geben. Was ja leider oft auch stimmt.
Auf dem Markt, gerate ich zwischen ein Minischwein und seine Mutter. Also rennt das Ferkel los in meine Richtung. Schweine sind da extremst viel wert und ich wurde vor meiner Abreise gewarnt, keinem Schwein was anzutun - das wäre da ein Todesurteil [nicht weil es heilig ist, sondern einfach viel wert]. Also fange ich an vor dem Schweinchen wegzulaufen. Es scheint das Spiel zu mögen und rennt mir hinterher. Zur großen Freude der Einheimischen jagt nun die Minisau das Weißbrot über den Markt. Weiß dann am Abend bestimmt ganz Goroka, die Geschichte... auf einen Schlag berühmt in PNG =) ...
Auf dem Markt merke ich auch wie schnell der Buschfunk hier funktioniert. Ich schnattere zwei, drei Sätze mit einem Verkäufer und während ich mich wegdrehe zum weitergehen, höre ich, wie er schon fröhlich weitererzählt, dass ich aus Neuseeland komme und Greg heiße. Besser als Facebook oder Twitter.


Wer sich bei dem Foto sofort dachte: Boah, was'n geiler Zaun, hat die Gesellenprüfung zum Flugzeugmechaniker schon fast bestanden. Wer sich immernoch wundert warum ich das hier hochlade: Der Zaun besteht aus Rotorblättern... Es gibt am Flugfeld auch noch einen Zaun aus ganz vielen davon. Wie bereits erwähnt haben ja etliche Teile an Hubschraubern eine maximale Lebenszeit. Pacific Helicopters hatte also vor ein paar Jahren dutzende Rotorblätter mit ein paar Reststunden rumliegen. Dann musste das Lager aufgeräumt werden und weil die soweiso keiner mehr braucht, wurde daraus ein Zaun gebaut. Einige Monate später verkündet der Hersteller der Rotorblätter fröhlich, dass die jetzt 1000 Flugstunden mehr benutzt werden können. Ende der Geschichte: Der Pacific-Helicopter-Finanzmensch geht weinend raus um nachzuzählen wieviele $100.000 da in dem Zaun verbaut wurden... bestimmt der teuerste Zaun in PNG. Aber einmal zersägte Rotorblätter darf man nich mehr an einen Hubschrauber bauen.

Eins der besseren Häuser in Goroka... Wollte von den normalen [armen] Hütten kein Foto machen. Kam ich mir dann doch irgendwie voyeuristisch bei vor. Was auch beeindruckend war, die teilweise montröse Technik da mitten zwischen den Barracken. So mit Stacheldraht umzäunte riesige Satellitenschüsseln und Antennen. Halb angerostet, aber offensichtlich in Betrieb. Wie aus einem düsteren SciFi-Movie: Drumrum Armut und Verwahrlosung der Welt und eine kleine Elite hat noch Zugang zum letzten robusten technischen Equipment und schützt das mit massiven Mitteln vor marodierenden Banden... So'ne Art Mad-Max-Welt im Dschungel

Es gab da einige echt geile Gewitter...

...aber nicht nur der Himmel hat teilweise ne echt geile Show geboten. Ich durfte da auch einem 6.5-Erdbeben beiwohnen. Das merkt man dann schon ordentlich. [Link zu USGS: Hier] ...aber als es losging schnattert der Kollege, mit dem ich grade am reden bin, knallhart weiter ohne mit der Wimper zu zucken. Ich frag mich erst, ob die Party am Vorabend wohl doch etwas zu heftig war, aber das Beben war dann doch real und die sind das in PNG nur gewöhnt - passiert da nämlich öfters.

Vorabendparty war übrigens schön. Die war im Aero Club [Abschied für irgendwen mit richtig lecker Essen und billig Bier] und irgendwann gab's Raffle [sowas wie bei uns Tombola oder so]. Der Losverkäufer kommt zu mir: "Ein Los für 3 Kina und 3 Lose für 10 Kina." [Kina is die Währung da]... Ich gucke ihn fragend an und erkläre ihm, dass ich noch nich total besoffen bin. Ihm fällt der Haken in seiner Rechnung auf und meint der eine Kina extra wäre ne Spende für den Aero Club. Nagut, die erlauben mir mitzufeiern, ohne dass ich Mitglied bin, da spendet man auch mal gerne 1 Kina. Irgendwann geht es an die Verlosung der Gewinne. Hätte nicht mit irgendwas gerechnet oder sowas wie eine Wurstplatte, was eben Standartpreis bei sowas is, aber nein, die passen die Gewinne an die Umgebung an und so bin ich jetzt stolzer Besitzer einer hochwertigen und schön verarbeiteten Machete. Kann man auch in Neuseeland gut gebrauchen, wenn es zum Beispiel mal wieder Streit in der WG gibt, wer denn nun mit putzen dran sei.


Hangar 1... viel Betrieb die ganze Zeit, aber die haben auch 'ne Flotte von ca. 30 Helis

In Ländern mit einem ausgeprägtem Gesundheitswahn ist das Gefahrengutlager ein massiv belüfteter Raum [100m³/pro h Luftdurchsatz pro 10m² Fläche], mit Warnlampe [Raum in Benutzung], Gefahrenguteinweisungsseminar [2 Tage], Benutzungsregulierung [Betreten nur durch geschultes Personal in Begletung der Eltern], Zutrittsregeln [Schutzkleidung, halbwegs nüchtern, etc.] nach den Normen XY-123-666 Rev. IV und ABC-GefGuN §4.c .... und in PNG is es ein Container mit einem Schild dranne =)

Die Karre vom Chef... der wohl einzige Mercedes in Goroka. Und überhaupt einer der wenigen PKW, sonst sind da alles fette Jeeps mit getönten Scheiben, massive Trucks mit vergitterten Scheiben oder Kleinbusse mit kaputten Scheiben. Die kleine Delle hinten habe ich natürlich erstmal einheimischen Fahrern in die Schuhe geschoben aber die hat der Boss da höchstpersönlich selber reingefahren... zwei sogar. Generell fiel mir auf, dass einige der Mechaniker mit dem Firmenbus den gefährlichsten Fahrstil da haben: Viel zu schnell für das Gewusel da. Und das in Anbetracht dessen, dass wenn man da jemanden tot fährt, der Lynchmob schneller da is, als man bis drei zählen kann... mir war da mehr als einmal mulmig auf dem Weg zur Arbeit.

Mystische, fremde Welt


Hinten links in der Ecke war mein Schreibtisch. Falls sich wer wegen der Ordnung Sorgen macht: Der is da schon piccobello aufgeräumt und sah die ganze Zeit so aus, wie man es von mir erwartet. An den anderen Tischen saßen der Wartungsleiter und seine Minions. Von den Mechanikern habe ich gelernt, dass unser Büro "Land of Lies" heißt. Hatte dann eine Menge Spaß mit den Mechanikern beim Diskutieren über wegradierbare Kugelschreiber und wie man frisch gedruckte, selbst erstellte Logkarten alt aussehen lassen kann [Ölflecken rauf, Einträge in Japanisch, Boden damit wischen und ganz oft knicken]... Fanden wir alle übelst komisch... Bis auf die Piloten, die die Wartungsabnahmeflüge machen müssen

Das Deck am Mechanikerhaus... ganz wichtiger Tipp: Da niemals nicht besoffen einschlafen. Will ich nur mal gesagt haben...

Das Mechanikerdeck war so der zentrale Punkt, wo man abends zusammen kam für ein paar Bierchen.
Ich habe ja schon öfters erzählt, dass man sich in der Luftfahrt immer zweimal begegnet und dass das schon so'ne kleine eigene Gemeinde is. Aber hier fiel das nochmal extremst auf. Alle möglichen Piloten und Mechaniker, die so im Laufe der Zeit kamen und gingen kannten sich irgendwoher direkt oder über drei Ecken oder haben zumindest alle schonmal hier und da gearbeitet. Auch einen Kollegen, der ab und zu noch für Airwork arbeitet, jetzt aber in Peru wohnt, und wie ich in PNG geholfen hat, kannte ich vom saufen aus Berlin. Den hatte ich in Berlin getroffen, weil eine Exkollegin [in Bremen kennengelernt aber ihres Zeichens Berlinerin] von einem meiner früheren Arbeitgeber [großer europäischer Flugzeughersteller], vor langer Zeit schonmal bei meinem jetzigen Arbeitgeber gearbeitet hat und er damals auch noch und die sich so aus Auckland kannten - daher das Treffen in Berlin von den beiden, wo ich eben zufällig mit dabei war... Naja und so trifft man sich eben im Dschungel wieder. Und so geht das da die ganze Zeit.
Oft sitze ich aber auch einfach nur da und höre zu, weil die Geschichten von den Ölbohrplattformen und abgelegenen Inseln, die quasi nur eine Kupfermine mit Bergarbeiterdorf und Hubschrauberhanger sind, schon aus einer eigenen Welt sind, von der man außerhalb nicht viel mitbekommt. Oder die Erlebnisse der Älteren aus den Zeiten, als das alles noch nicht so reguliert war in der Luftfahrt in diesem Teil der Welt. Aus den ganzen Erzählungen und Gesprächen fügt sich so langsam ein faszinierendes Bild zusammen über diesen Menschenschlag, der die meiste Zeit seines Lebens an den Grenzen der Zivilisation verbringt.

Also alles in allem eine echt krasse Zeit, dafür dass es nur 10 Tage war [bzw. 12 mit An- und Abreise]... Soviel neues gesehen und erlebt, in Anbetracht dessen, dass ich eigentlich nur am Arbeiten war... Sollte ich da nochmal hinkommen, werde ich mir auf alle Fälle auch mal zwei, drei Tage Zeit zwischendrin für das Land nehmen, weil auch die melanesische Kultur und die Natur da sind echt spannend, aber eben nicht, mal so zu erkunden - aber ich kenne ja jetzt Leute da.

Zum Abschied noch eine kleine Anekdote: Einer der ersten Tage. Ich warte mit einem Kollegen nach Dienstschluss am Firmenbus.
Icke: "Ich muss auf'm Weg zurück noch Bier kaufen. Hab schon gestern von den anderen getrunken."
Kollege: "Keine Sorge, wir lassen hier niemanden verdursten."
Icke: "Nicht mal aus Spaß? So für'ne Stunde oder so?" [Ich hatte ja schon mitbekommen, dass man sich hier gerne mal ein wenig piesackt und Schabernack unter Kollegen zum guten Ton gehört.]
Kollege guckt mich total ernst an und erklärt dann mit ruhiger Selbstverständlichkeit: "Nein. So fangen Prügeleien an."

...unter uns, ich glaube ihm.

05 Oktober 2017

Wo die kleinen Hubschrauber herkommen

Neuerdings gibt es ja in vielen Haushalten den Trend sich ein oder gar mehrere Hubschrauberküken zuzulegen - meist unter dem Marketingnamen "Drohnen" bekannt. Als langjähriger Aeroavioluftflugspezialist halte ich das ja für eine zweischneidige Entwicklung. Natürlich kann ich das gestiegene Interesse voll und ganz verstehen, allerdings bereitet es mir doch ein wenig Sorgen wie unbedarft und unwissend viele Mitmenschen an das Thema rangehen. Da kauft man sich einfach eine Drohne online mit allem drum und dran, geht dann mit ihr in der Nähe vom Flughafen spazieren, weil sie ja da so viel Auslauf hat und ist dann verwundert, wenn sie plötzlich zu ihren Artgenossen ausbüchst und vom vorbeifliegenden A380-Triebwerk aufgesaugt wird.
Zwar hat der Gesetzgeber jetzt reagiert und verlangt einen Kenntnisnachweis aber trotzdem ist immer wieder erschreckend, wie wenig der gemeine Otto-Normalverbraucher über das Leben und die Haltung von Hubschraubern weiß. Ich habe mal ein wenig bei mir im Nicht-Avio-Umfeld rumgefragt, ob die Leute denn wüssten, wo die kleinen Hubschrauber herkommen. Und da kamen echt nur so Antworten wie: "Mediamarkt", "Ebay" oder "Unterm Weihnachtsbaum"... Ja und die Milch kommt aus'm Supermarkt, wa? Manmanman... aber gut, dann werde ich hier heute mal ein wenig Aufklärungsarbeit leisten, da ich heute grade wieder auf Arbeit dem Wunder der Geburt eines Babycopters beiwohnen durfte.

ZK-ISE hatte die letzten Tage schon ein auffällig hohes Abfluggewicht und daher war ich auch nicht dolle verwundert aber umso mehr erfreut als ich das Geburtshelferteam [GHT] bei ihr heute gesehen habe...


...das sind die Kollegen vom GHT bei ISE, gucken ob alles in Ordnung is. Die Geburt von einem Hubschrauberküken geht zwar auch unbegleitet und grade in freier Wildbahn kann ja nicht immer wer zur Stelle sein, aber die Anwesenheit eines professionell ausgebildeten GHT hat sich grade bei domestizierten Hubschraubern als sehr sinnvoll erwiesen, damit es nicht zu Komplikationen kommt.

Plötzlich geht alles total schnell, das GHT nimmt in gewohnter Routine seine Positionen ein: Einer legt sich unter die Hinteröffnung des Mutterkopters und sichert, dass sie offen bleibt. Die anderen positionieren sich um die Mutter herum, um sie zu beruhigen und dem Heliküken, welches von Geburt an fliegen kann, den Weg zu ihr zu weisen...


Es ist einfach immer wieder extremst beeindruckend wenn man ein nur wenige Sekunden altes Kopterküken noch etwas unbeholfen über das Vorfeld fliegen sieht...


Falls ihr euch jetzt wundert, warum der kleine Hubschrauber vier Rotoren hat, obwohl die Mutter nur einen Hauptrotor  und einen Heckrotor hat: Gut beobachtet aber das ist ganz normal. In der Pubertät verliert der Jungkopter zwei Rotoren und der hintere der beiden übrig gebliebenen dreht sich um 90° ... so kann man sehr gut erkennen, ab wann sie geschlechtsreif werden.

Dann hilft der Helfer unter der Mutter beim schließen der Hinterklappe, damit die Mutter nach der Anstrengung nicht zu sehr friert oder parasitäre Vögel anfangen in ihrem Inneren zu nisten. Während die andern Helfer das Hubschrauberküken zum Cockpit der Mutter weisen...


Nach der ganzen Aufregung lässt das GHT die glückliche Mutter und das erschöpfte Küken erstmal auf dem Vorfeld, damit sie sich etwas ausruhen können...

Das Küken ist links neben der Mutter zu sehen... anfangs sind sie noch etwas schüchtern und trauen sich nur wenige Meter von der Mutter weg

Sorry, dass die Fotos nicht so hochauflösend sind, aber ich wollte bei der Geburt da nicht zwischen drinnen rumfunken. Das erhöht den Stress doch ernorm.

Und wer sich jetzt die ganze Zeit gedacht hat: "Mensch, samma, irjendwoher kenn ick die Mutta doch... irjendwie kommt die mir bekannt vor." Kann in der Tat gut sein. Die gute ISE hat bis letzten Sommer für den ADAC in Deutschland gearbeitet, bevor sie nach Neuseeland ausgewandert ist. Damals hieß sie noch D-HSFB und zeigte sich in strahlendem Gelb aber sonst ist sie ganz die Alte. [Wer mehr wissen will, einfach "BK117 7240" googlen]. Allerdings hatte sie irgendwann die öde Bonner Landschaft satt und kein Bock mehr ständig das ganze Blut an den Leitplanken zu sehen, also isse eben zu uns. Das hat sich inzwischen rumgesprochen: Ihre Schwester D-HBAY hat auch zu uns rüber gemacht und lässt sich hier grade zu ZK-HES umoperieren...


...noch sind das ADAC-Gelb und die europäische Flagge am Heckleitwerk zwar untrügliche Zeichen, aber bald werden nur noch das Aircraftregister und ihre Logbücher ihre wahre Identität kennen.... na und einige tausend Planespotter und andere Bekloppte, bzw. jeder der Google bedienen kann und die Leser dieses Blogs.... ... und sicherlich werden ihre Kinder in der Flugschule noch ein paar Generationen lang wegen ihrem Dialekt gehänselt ... Die Gute hat nämlich in Bautzen gearbeitet. Aber klar, dass sie da ncih geblieben is. Ich meine, wer wie ein Hubschrauber gerne Freiheit träumt und lebt, wird wohl grade alles tun, um aus Ostsachsen wegzukommen... hier war übrigens am gleichen Wochenende wie bei euch auch Parlamentswahl ... ich weiß nich, kam das bei euch in den Nachrichten? Ja? Nee? Na egal, ich durfte zwar eigentlich noch nicht wählen aber habe trotzdem schonmal geübt. Zur Auswahl für mich standen:


...Home Brew oder White Russian. Habe das Wahlverfahren ein paar mal an dem Abend ausprobiert. Is schonwas feines so'ne Demokratie.

Aber war nicht nur weltweite Wahlparty sondern auch genau 3 Jahre NZ... Sonni und ich hatten ja eine Wette laufen, wer zuerst Resident hier wird. Nicht nur das die doofe Sonni gewonnen hat [wofür sie von mir natürlich nur Kommentare erhalten hat, die ich jetzt hier nicht wiedergeben werde], zusätzlich hat sie ihre Residency auch noch auf den Tag genau[!] drei Jahre nach unserem Auswandern erhalten... Und dafür hatte sie sich dann doch einen leichten Schulterklopfer verdient... auf ihren Wunsch hin, hier der Beweis:

So'ne Mischung aus Hover-Hand und Schulterklopfer muss reichen...

Aber alles nicht so schlimm: In der Berliner Zeitung stand neulich, das Forscher jetzt heraus gefunden haben, dass Bier glücklich macht. Und zwar nicht wegen dem Alkohol, sondern sie haben entdeckt, dass Gerstenmalz Hordenin enthält, was an die Dopaminrezeptoren andockt. 13.000 Moleküle untersucht und im Bier fündig geworden. Na bitte! In diesem Sinne: Prost:

Alles, was einen guten Skipper ausmacht

19 Juni 2017

1001 Nacht - Erzählungen aus dem Ultraorient

...oder: Anekdoten aus dem östlichsten Osten, wo der Tag zwar beginnen mag aber die Welt endet.


~ Geleitworte ~


1001 Nacht ist es her, dass ich nach einer langen Reise mit einem Schiff, dass durch die Winde über dem Wolkenmeer schwimmt, ein unbekanntes Inselreich am Ende der Welt betreten habe.

Einen Ort an dem der Mond auf dem Kopf steht und die Sonne durch den Norden wandert - den sie ja bekanntlich bei uns seit Anbeginn der Zeiten meidet. Auch Sommer ist im Winter und der Winter hat noch nicht bis in diesen entfernten Winkel der Welt gefunden und so müssen diese Lücke Herbst und Frühling schließen.

Die Einwohner, mögen sie auch teilweise den Bewohnern der alten Heimat in einigen Äußerlichkeiten ähneln, sind ein gar merkwürdiges Völkchen. Sie haben, vermutlich obgrund ihrer Abgeschiedenheit, doch sehr obstruse aber auch liebenswerte Bräuche und Eigenheiten entwickelt.

In den endlosen Wäldern des Inselreichs treiben wunderbarste Kreaturen ihr Unwesen. Ungefährlich zwar, aber immer mit einem Bein am Galgen ihrer Ahnenreihe.

Diese fremde Welt verleibt sich den Reisenden wohl merklich mit bestimmten Eigenheiten ein - ohne sich daran zu stören, dass er doch auch immer in wieder anderen Facetten ein Gast bleiben wird. Nicht dass dieses Neuland der Gastfreundlichkeit abgetan wäre, aber ich muss Euch schließlich nicht erklären, werte Leser, dass der Mensch sich im Innersten niemals ändert.

Von dieser wunderlichen Welt möchte ich Euch heute erzählen.

Und hier fängt die Geschichte an.


~ Von einem der auszog, die Antipoden auf den Kopf zu stellen ~


Treue Leser werden mich soweit kennen um zu wissen, dass mich des Öfteren das Fernweh plagt und ich los ziehe, die entlegensten Gegenden dieser Welt zu erkunden. Aber vermutlich nur langjährigen Weggefährten dürfte auch bekannt sein, dass schon seit meinen ersten Reisen jenseits der großen Ozeane, der Plan in mir reifte, etwas tiefer in zumindest eine dieser fremden Kulturen einzutauchen. Denn so ist man doch selbst nach einem halben Jahr unter den Chilangos jedes Mal wieder verzückt, wenn man auf den Pfaden der Azteken und Maya wandert und bleibt auch für die ganze Zeit ein Extranjero - ein Besucher auf Zeit.

Ich wollte aber weiter gehen. Ein zu Hause haben. Mit Verdruss den Zwängen der Maloche nachgehen an einem verregneten Wochenbeginn im grauen Herbst. Selbstsicher durch die Gassen wandern nach einer durchzechten Nacht in den Tavernen. Mit Freunden am Wochenende Zeit verstreichen lassen. Der ganz normale Alltag - nur eben anders. Ein neuer ganz normaler Alltag.

Der Zeitpunkt des Beginns für dieses Unterfangen war klar, aber nicht der Ort. So kam es mir sehr gelegen, damals eine Gefährtin gefunden zu haben bei der es genau umgekehrt war. Und so fügten sich die ersten Teile des Gesamtwerkes.
Nach dem ersten Viertel der nunmehr 1001 Nacht, das mit dem Erkunden des Inselreichs gefüllt wurde, war es an der Zeit den nächsten Schritt zu wagen. Notgedrungen auch, da die Winde auf Nord drehten und Kalte Luft von den endlosen Eismassen des Südkontinents brachten. So wurde das Reisen an den kurzen, verregneten Tagen beschwerlich und auch um den Reichtum stand es nicht mehr so wie zu Beginn. Kein Wunder in einem Land in dem Flüssigbrot mit Gold aufgewogen wird. Und so besorgte ich mir eine Bleibe und eine Einkunft.

So begann es also. Weder aus dem Grunde der Flucht vor der Heimat noch war dies hier mein Ziel. Das hier Leben hingegen war es, was mich zu diesen abertausenden Schritten kopfüber bewegte.


~ Schritte in die neue Welt ~


Zuerst werde ich mich der Frage widmen, die ich bereits zuvor als Annahme aufgestellt habe: Der Unterschied zwischen einem Besucher des Inselreichs und einem der teilweise schon ein Teil des Teils, der einst Fremde war, geworden ist.

So kann ich schon vorweg nehmen: Ja es gibt ihn. Aber wie nun macht er sicht bemerkbar? In Schritten, kaum merklich, zeigt er sich nur hin und wieder in kleinen Geschehnissen die einen innerlich aufhorchen lassen.
Die oben erwähnten Äußerlichkeiten, wie auch mal einen verregneten Monat nur in den eignen vier Holzwänden zu verbringen und großer Weltliteratur zu fröhnen, während draußen der Herbstwind nur grauen Trübsal und triste Wolken bläst oder aber auch mit guten Freunden oder beim Arbeitgeber plötzlich in der Position zu sein den Neulingen selbstsicher die Wege durch die Katakomben zu weisen, treten von selbst ein, wenn man nur lange genug an einem Ort verweilt. Viel interessanter sind aber die Sachen, die einem zuerst gar nicht zwingend in den Sinn kommen.

Ein bekanntes Bonmot ist, man könne eine Sprache dann sprechen, wenn man Witze in ihrer verstehen würde. Nun, so ähnlich ist es auch, wenn man an einem fremden Ort langsam ankommt. Zuerst beginnt man Witze zu verstehen. Dass dieses bei Offensichtlichkeiten oder Klischees funktioniert ist keine Kunst. Das kann man auch als Reisender schnell aufnehmen. Allerdings gibt es auch eben diese Art von Humor, die Kenntnisse in einigen Bereichen und Eigenheiten erfordert und erst die Komibination dieses Wissens lässt einen schütteln vor Lachen, wo der Gast nur höflich lächelt. Bei mir kam die bewusste Erkenntnis, dass dies auch nun bei mir der Fall sei, während es darum ging neue Mottos für Städte zu finden und als Vorschlag wurde genannt: "Huntly - Should've taken SH 27." Zum Verständnis dieses wunderbaren Vorschlages Bedarf es nicht nur der allgemeinen Kenntnis des Ortes, sondern auch der Mentalität derer die den Spruch äußerte - jedem Zuhörer war ihre Herkunft und entsprechende Assoziationen sofort klar, ohne dass sie je genannt werden musste. Des weiteren war es von Nöten über einige Zeit Erfahrungen zumindest beim passieren der Region gesammelt zu haben. Ein Besuch in Huntly hingegen ist zum Verständnis absolut nicht notwendig.
Und ohne bewusstes Sinnieren, überkam mich umgehend ein ausgiebiger Freundenausbruch, dass ich vor Lachen fast vom Wege abgekommen wäre. Dieses tiefe Verständnis von Eigenheiten, Geschenissen und Situationen ist aber nicht nur der erste Schritt den hiesigen Humor in sich aufnehmen zu können, nein, in einem weiteren Schritt ist die logische Konsequenz ja dann auch, dass man selber diesen Humor äußert. Auch hier wieder nicht in Form der offensichtlichen Oberflächlichkeiten, die auch Gäste des Inselreichs erkennen.
Dereinst echauffierte ich mich über einen Teil der hiesigen Bewohner und nannte im Rahmen meiner Ausführungen auch eine Lokalität, die für mich einen ihrer typischen Aufenthaltsorte darstellte, in dem sie bei einem Glas Gerstensaft ihrer selbst genießen unter Seinesgleichen. Und siehe da, ohne es zu wissen war es meinem Zuhörer bekannt, das sich der moderne Ponsonbyer gerne im Chapel rumtreibt. Es bedurfte keiner weiteren Erklärungen um die Situation verständlich zu machen und man konnte sich gemeinsam feixend abgrenzen und positionieren.

Diese beiden Momente waren durchaus interessant auf meinem Weg vom Gast, der an der Oberfläche schwimmt, zum Anwesenden unter Einheimischen, der mitten im Getümmel mittaucht. Und wie Humorverständnis die Kenntnis einer gesprochenen Sprache anzeigt, so zeigte es hier meine Kenntnis der Eigenarten der Kiwis.

Ein weiterer Schritt vollzieht sich ebenfalls im Entzug des Bewusstseins bis zu dem Punkt, wo man erst durch äußere Reize wieder merkt, dass man sich an gewisse ehemalige Neuigkeiten gewöhnt hat, sie sogar in sich aufgenommen hat. So hatte ich ja bereits des Öfteren Besuch von Freunden aus der alten Heimat. Keine Kunst ist es, diese mit Worten und Details der neuen Umgebung zu überfluten, so dass diese schnell den roten Faden verlieren. Es ist nicht nur keine Kunst, sondern sogar eine unschöne Form der Arroganz, da sie ja lediglich dazu dient, sich abzugrenzen und sich als wissender als sein Gegenüber darzustellen. Dies gelingt einem schon nach wenigen Monaten oder gar Wochen und spricht nicht für Ortkenntnis.
Interessant ist hingegen, wenn man von seinen Besuchern freudestrahlend und voller Erstauen über absolute Alltäglichkeiten aufgeklärt wird und man sich im ersten Moment ein wenig über die Besonderheit dessen wundert. Erst beim zweiten Gedanken fällt einem der Moment ein, in dem man vor langer Zeit das selbe freudig überraschte Erlebnis wie der Gast hatte. In einer Zeit, als dies eben keine Alltäglichkeit war, sondern etwas, was man zuvor in seinem Leben noch nie gesehen, erlebt oder gehört hat. Eine Erfahrung die man selbst zum ersten mal vor nicht mal 1000 Nächten gemacht hat.

Aber es geht weiter. Im Laufe der Zeit, hat man nicht nur einige dieser Erlebnisse mit Besuchern, sondern man legt sich sogar ein kleines Reportoire an selbigen zu. Solche, von denen man weiß, dass der Gast sie gerne staunend erzählt. Und wenn einem beim nächsten Besucher der Schalk im Nacken sitzt, treibt man Schabernack mit ihm, indem man ihn kurzzeitig erschreckt mit Verhaltensweisen die hier usus sind, in der alten Heimat aber nicht Gang und Gäbe oder gar verpönt.
Und im Stillen freut man sich, dass man in den Anfängen selber so reagiert hat, sie daraufhin unmerklich übernommen hat und dann mitunter schon vergessen hatte, dass sie nicht in der ganzen Welt üblich sind.
Ich verzichte hier mit Absicht auf Beispiele - um zukünftigen Reisenden nicht die wunderbare Verwunderung zu nehmen.

Ich erzähle ja immer wieder gerne die Anekdote, als ich mit einem Freund aus Mexico und einem Spanier bei Freunden saß und wir zu Dritt unser Spanisch gepflegt haben. Mein Freund aus Mexico übersetzte dann regelmäßig, meist sogar ungefragt auf meinen verwirrten Blick hin, das spanische Spanisch in das Spanisch der Mexikaner, damit ich folgen konnte. Soweit, so logisch, da ich mein Spanischvokabular ja hauptsächlich aus dem Reich der Azteken hatte. Aber dann irgendwann übersetzte er auch mein Spanisch für den irritiert guckenden Spanier. Und das erstaunte mich schon ein wenig, dass ich offensichtlich einen Wortschatz hatte, der selbst muttersprachlichen Spaniern nicht geläufig war. Und zwar nicht Worte der Gossensprache oder eindeutige Lokalismen, sondern Worte und Phrasen von denen ich Stein und Bein geschworen hätte, dass sie Spanisch wären.
Nun ist mein Englisch auch weiterhin eine Zweitsprache und so schlage ich hin und wieder gerne mal im Laufe der Zeit gelernte Worte nach, um alle ihrer Facetten zu erfahren. Und es erstaunt mich doch immer wieder wie häufig dann bei der Erklärung das in eckige Klammern gesetzte "NZ" hinter der betreffenden Phrase zu finden ist. Und ich verfalle nicht diesem blöden Gesammel und Gestammel von den 10 Standard-Kiwi-Sätzen, die jeder Neutourist binnen weniger Wochen lernt, eher versuche ich diese zu meiden. Es sind eben jene, bei denen man wider besseren Wissens von bestem Oxfortenglisch ausgehen würde.

Und diese kleinen, nicht so offensichtlichen Erlebnisse, machen das Ankommen hier zwischen Alltag und Gewohnheit doch immer wieder ein wenig spannend, wenn sie einen innerlich Aufhorchen und äußerlich kurz inne halten lassen.



~ Abrechnung mit beiden Hemisphären ~


Ein Grund, jenes ferne Inselreich, in welchem ich gerade verweile, zu wählen, lässt sich wohl ganz gut mit deren oft kolportierter Selbstbeschriebung zusammen fassen, sie wären das Most Laid Back Country in the World. Ob ihre Gelassenheit nun wirklich an der Spitze der Welt steht, sei mal da hin gestellt. Aber der Unterschied zur Planungsvernarrtheit und penetranten, mürrischen Griesgrämigkeit der zuhaus Gebliebenen ist doch schon auffällig. Mehr als einmal nur wurde ich obgrund meines Handelns in der alten Heimat ja als "pragmatisch" oder "unkonventionell" betitelt.
War mir das Verhalten vieler Mitmenschen immer mal wieder etwas spießig vergekommen, merkt man hier doch umso mehr, dass man die Regeln in einer Unmenge von Bereichen selber machen kann, so man nur ein wenig mitdenkt und vorausschaut und auf seine Mitmenschen achtet, ohne dass die Gesamte Menschheit im Chaos versinkt. Und dies sowohl auch und eben grade wenn die Umgebungsbedingungen mehr Vorsicht gebieten, weil etwa Mutter Natur nicht bis ins kleinste Bisschen gezähmt ist. Das wichtigste Sicherheitsuntensiel im Überlebenskampf sind wohl immernoch das Gehirn und der Mund. Wobei natürlich auch ein Mindestmaß an Anpassungsfähigkeit und Spontanität nicht schaden.

Und Gebrauchsgegenstände? Werte Leser, warum nennt ihr sie "Besitz" so es keine Couch oder keine Gartenbank ist? Was sich bewegt hinterlässt Spuren - Gebrauchsspuren eben. Und was keine hat, hat sich offensichtlich wohl nie großartig unter eurem Hintern hevor bewegt: Und dann ist es schade um das schöne Geld, welches ihr darin investiert habt.
Versteht mich nicht falsch, ich rede hier bestimmt nicht von Achtlosigkeit vor dem eignen eigentümlichen Eigentum oder gar anderer Leute Schätzen, aber auch 1 Kilo Gold mit einer Delle wiegt immernoch 1000 Gramm. Es eignet sich wunderbar als Briefbeschwerer oder um unliebsame Zeitgenossen für eine Weile ruhig zu stellen. Die Delle also ist kein Schaden an sich. Aber natürlich, wenn sich jemand ungefragt eine Ecke abschneidet, und sei sie noch so klein, ist dies eine Vendetta wert, da nun seine Funktion 1kg Mehl für euren Lieblingskuchen abzuwiegen nicht mehr gegeben ist. Und bei Kuchen hört bekanntlich der Spaß auf.
Vielleicht lässt sich mit obrigem Beispiel ganz gut die Sichtweise des gemeinen Kiwis auf sein Hab und Gut beschreiben: Ein entspannter aber dennoch nicht respektloser Umgang. Und nutzt es wozu es da ist, anstatt seinen tristen Verkaufsstatus zu vergöttern.

Bei einer Sache tue ich mich auch nach all diesen Tagen und Nächten noch schwer. Dem Verständnis von Grund und Boden. Wenn man Zeit lebens gelernt hat an fremden Toren zu klingeln und auf Einlass zu warten, fällt die Gewöhnung daran, Grund und Boden anderer einfach so zu betreten, doch schwer. Zum Glück ist die Erfindung des mobilen Funkapparates hier angekommen, so lässt sich auch ohne Klingel die eigene Ankunft dem Gastgeber mitteilen. Nicht das dies erwartet werden würde oder nötig wäre - die Türe steht ja offen - aber so verhindert es doch, dass ich Stunde um Stunde zweifelnd am Tor warte.
Nur sollte ich wohl, wenn ich alsbald zurück komme, schnellstmöglich wieder lernen, wozu Schlösser da sind, denn nicht in allen Teilen dieser Welt schützt eine zue, aber nicht abgeschlossene Tür vor Langfingern.

Allerdings lernt man hier nicht nur Tugenden. Zwei Dinge fallen auch dem Gast hier sofort auf: Hilfsbereitschaft und Höflichkeit. Und mag die zwecklose Hilfsbereitschaft, wenn auch anfangs stark irritierend, noch annehmenswert sein [und sei es nur um andere Berliner zu verwirren], ist die Höflichkeit zum Kotzen. So mir jemand auf den Fuß tritt, gehört es zum guten Ton ihn mindestens mit einem tötenden Blick zu strafen oder aber am Besten sich nach den Nachtschattengewächsen auf seinen Glotzern zu erkundigen. Aber bei Belzebub und Satan nicht, sich zu entschuldigen. Mein Fuß stand da! Das war sein recht und kein Versehen. Und auch wenn das nun sowas von offensichtlich ist, nicht im Chor mit dem Treter "Sorry!" zu sagen, schleicht sich diese widerliche Unart im Laufe der Zeit ein. Und man bekommt sie nur so schwer wieder los.
Ich erlaube hiermit alljenen, denen ich bei meinen kommenden Reisen in die alte Heimat ein nicht angebrachtes "Sorry!" an den Kopf werfe, dies mit einem ordentlichen Rippenstoß zu beantworten. Nein, ich bitte sogar darum.

Eines habe ich noch nicht zufriedenstellend über meine Gastgeber rausgefunden: Wie sie sich denn vermehren. Denn obwohl die weiblichen Kiwis als erste der Weltgemeinschaft wählen durften und sich sonst auch für kaum etwas zu fein waren schon in relativ frühen Zeiten, so haben sie doch beschlossen beim Dating & Mating im Geiste in Zeiten zu verweilen, von denen man meinte sie seien vorbei. Nicht nur, dass sie größtenteils auf ihren Traumprinzen hoffen und es nur Alles oder Nichts gibt, man also am besten schon vor dem ersten Treffen ein gemeinsames Haus kauft mit Platz für Kind und Hund, nein, auch überlassen sie jede Initiative dem männlichen Gegenüber. Selbst jene, welche im Gespräch so wirkten als würden sie ihr Leben selbst bestimmen, scheinen sehr viel Zeit darauf bedacht zu haben, Männer-ignorieren zu üben und es so zur Perfektion gebracht.
Sollte jetzt der schüchterne Teil meiner weiblichen Leserschaft mit dem Gedanken spielen mal das Reich der Kiwis zu besuchen, um sich angeln zu lassen, so muss ich davon abraten. Das würde ein reichlich nutzloses und deprimierendes Unterfangen werden. Denn auch wenn hier die Initiative voll und ganz beim Manne liegt, so ähnelt der männliche Kiwi in dem Punkt weniger dem Latino und mehr dem Finnen. Zum Glück gibt es Bier und Einwanderung. Ersteres führt dazu, dass auch Kiwis manchmal einen Partner finden und dann auch gleich behalten. Auch wenn beide Seiten nicht mehr ganz so genau wissen wie und wann es eigentlich dazu kam. Zweiteres führt dazu, dass die hiesige Bevölkerung in der Zwischenzeit zwischen der Scheidung und bis der Kiwi dann mal wieder sein Glück im Suff findet, das Bevölkerungswachstum nicht komplett stagniert.

Da nun die Klamotten meist anbleiben, hat der Kiwi eine relativ entspannte Haltung dazu entwickelt. In der alten Heimat gibt es ja endlose und sinnlose, meist ungeschriebene Regeln wie man sich in der Öffentlichkeit zu bewegen hat. Wenn man hier nach der Maloche auf dem Weg nach Hause noch Besorgungen machen will und die stahlbeschlagenen Arbeitsschuhe schon in den Fond der Kutsche geworfen hat, würde kein Mensch hier erwarten, dass man sie wieder anzieht um durch den Einkaufsmarkt zu schlendern. Auch ist es nicht vonnöten sich fein herauszuputzen nur weil man das Haus verlässt, eine gemütliche Freizeithose tut ja auch ihren Job und wenn das Gör nunmal im Bademantel rumlaufen will, dann kann es das gerne machen.
Aber wo dann die Prüderie der Kiwis den Ordentlichkeitswahn der Heimat ganz schnell einholt, ist wenn es darum geht, wenn man nur mit dem bedeckt ist, was einem Mutter Natur mit auf den Weg gegeben hat. Schnell hat sich ein Mistgabelmob formiert und man sollte sich entweder schnell bedecken oder schnell laufen. Einzige Ausnahme für Nacktheit is begründete Nacktheit. So wurde einst ein nackter Kiwi von der Gendarmmrie festgesetzt und in den Kerker geworfen, weil er sich zeigte wie er zur Welt kam. Der Protestzug der deswegen und daraufhin jährlich stattfindet darf allerdings nackt sein, da dieser das ja als begründete Form der Auflehnung unbedeckt durch die Stadt flaniert.


Falls sich der geneigte Leser nun wundern mag, wofür der Kiwi denn so alles Zeit hat und ob er keine anderen Sorgen habe, dann sei ihm gesagt, nein, hat der Kiwi nicht. Die Geschichte dass meine Freunde aus Napier es mit ihrer verlorenen und wieder gefundenen Katze auf die Titelseite der Lokalpresse geschafft hatten, hatte ich ja schon in einer früheren Geschichte erzählt. Aber neulich war dann wieder einer dieser Tage, an denen man merkte, dass dieses Inselreich tatsächlich noch weit ab von den großen Problemen der Weltgeschichte liegt. Erst hatte es der Ausbau des Einkaufsmarktes bei mir um die Ecke auf die Titelseite der größten Postille des Landes geschafft, inklusive eines exklusiven Interviews von zwei Anwohnern, die ihn nun zu groß fanden. Hier sei erwähnt, dass es sich um einen ganz normalen Einkaufsmarkt handelt, welcher sich durch nix besonderes auszeichnet. Dann später wurde im Rundfunk lange und ausführlich erörtert, dass an jenem Tage 72 Strohballen auf der Südinsel entwendet wurden mit Erwähnung der speziell eingerichteten Kontaktnummer der Gendarmerie, so denn jemand etwas gesehen oder gehört hätte. Vermutlich die Sonderkommission Wieso-liegt-denn-hier-kein-Stroh.


~ Neue Erkenntnisse aus der neuen Welt ~


Aber man lernt nicht nur Dinge über die hiesigen Gegebenheiten, sondern lernt auch interessante Dinge über sich und die eigene Kultur. So ist ja bekannt, dass die Welt den Deutschen daran erkennt, dass er nackt mit einem Bier in der Hand in seinem BMW mit 220km/h über die Autobahn zum Würstchen-Grillabend fährt. Aber neben diesem offensichtlichen und total üblichen Verhalten, gibt es auch noch unbekanntere Eigenheiten, die ich vorher so nicht als typisch erachtet hätte. So habe ich mehere Male bereits von Leuten aus aller Herren Länder erfahren, dass der Deutsche anscheinend eine wunderbare Haut hat, ohne jedwede Imperfektionen. Und hier ging es um deutsche Haut allgemein. Dies war mir nicht bewusst und noch weniger, dass das vielerorts bekannt ist. Auch scheint der deutsche Dialekt auf zumindest einige Personen, aber ebenfalls aus aller Welt, sehr erotisch zu wirken. Ich wäre vom Gegenteil ausgegangen. Aber nun gut, auf der anderen Seite weiß ich natürlich auch nicht, welchen Praktiken jene Personen so hinter verschlossenen Türen nachgehen - es gibt ja bekanntlich alles mögliche in diesen modernen Zeiten. Aber auch dies waren allgemein geäußerte Aussagen über den Teutonen an sich.
Aufgrund der erbärmlichen Höflichkeit der hiesigen Einwohner erfährt man allerdings leider nicht, was sie denn am Germanen nicht mögen. Allerdings hoffe ich, dass unsere Direktheit dazu zählt, mit der man den gemeinen Kiwi schnell verunsichern kann.
Auch ist den meisten Einwohnern Alemaniens geläufig, dass wir im Ausland schnell gutes Brot vermissen und man den meisten fremden Freunden erstmal den Augenkontakt beim zuprosten beibringen muss. Allerdings ist es auch interessant zu sehen, dass es anscheinend sehr, sehr tief sitzt mit jedem neuen Getränk anstoßen zu müssen. Ich hatte mich ja schon früher echauffiert, dass hier nur mit dem ersten Getränk auf gemeinsame Gesundheit und Wohlbefinden angestoßen wird und es auch irgendwann aufgegeben diesen ungehobelten Wilden ein wenig Kultur beizubringen. Aber hin und wieder kommen alte Gewohnheiten doch durch und dann sitze ich da und warte geduldig auf eine Gesprächspause oder stoße mein Getränk an der eignen Faust an, da ich es nicht übers Herz bringe, den ersten Schluck zu nehmen ohne ein Salut auf die Santé.

Woran man sich allerdings recht schnell gewöhnt ist Natur um sich zu haben. So gibt es ja in den hemischen Gefilden keine Natur mehr. Selbst die nationalen Schutzgebiete sind kultiviert und aufgeräumt und selbst vom Zentrum der kleinen Flecken, wo der Mensch mal nicht seine Finger im Spiel hat, ist der nächste Einfluss des Menschen nur einen Steinwurf entfernt. Schnell wurde es hier usus mal kurz vor der Zivilisation zu fliehen. Bei einem Lagerfeuer in einem echten Wald oder an einem echten Strand unter einem echten Sternenhimmel, darüber zu sinnieren, dass man erst so weit reisen musste um so wenig reisen zu müssen, wenn man mal weg will vom Menschen und seinem Werk. Und interessant eben auch wie lange man Wälder, Strände und den Nachthimmel in der Heimat als kaum vom Menschen beeinflusst betrachten kann. So sehe ich jetzt auch meine Heimat mit anderen Augen und weiß schon, was ich wohl am meisten vermissen werde, wenn es mich wieder für längere Zeit in die Heimat zieht.

Die ganze Unternehmung hat für mich die Welt gleichzeitig gefühlt kleiner und größer gemacht.
Kleiner ist offensichtlich. Immerwieder treffe ich hier Leute für die eine Reise in so weit von der Heimat entfernte Gefilde ein erfüllter Lebenstraum ist. Ich pendle Allerdings nun alljährlich zwischen den Hemisphären hin und her. Waren für mich früher die langen Reisen mit dem Luftschiff in fremde Länder eher eine lästige Strapaze die man auf sich nehmen musste, so ist es jetzt normal geworden. Stunde um Stunde über den Wolken, zwischendrin endloses blau oder grünbraun. Das Wandeln und Warten an den immer anders und eben doch gleich wirkenden Knotenpunkten und die Ruhe bei Unvorhergesehenheiten auf der Reise. All das ist im Laufe der Zeit doch so vertraut geworden ist.
Aber eben auch ein Gefühl der Größe ist dazu gekommen. Nun wusste ich auch bereits vorher, dass unsere Welt eine andere Seite hat, wo die Menschen nicht nur kopfüber laufen, sondern auch Tages- und Jahreszeiten vertauscht sind. Aber seit ich hier vertraut mit meiner Umgebung bin, habe ich das bloße Wissen darum, um das Gefühl dafür erweitert. Das ist etwas schwer zu beschreiben, daher lasst es mich kurz an zwei Beispielen erklären.
Als ich hier am Morgen des ersten Tages anno 2016 aus meinem Schlafgemach krabbelte und den Maorikindern beim über den Strand reiten zuguckte und mich über die erste Sonne des neuen Jahres freute, wurde mir plötzlich klar, dass in der Heimat noch der Abend davor ist. Noch das alte Jahr. Erinnerungen kamen hoch wie man in den Jahren zuvor mit Freunden in der Wohnung saß und die ersten Biere öffnete. Der Blick vom Balkon kam mir in den Sinn, mit den fast konstanten Feuerwerksexplosionen in den Straßen lang vor Mitternacht, ein Gefühl der kalten Nachtluft kroch über die Haut und der Geruch von Schnee und Schwarzpulver stieg mir in die Nase. Ich wusste und fühlte genau, was just in diesem Moment auf der gegenüberliegenden Seite der Welt passierte. Ich konnte förmlich spüren was auf der anderen Seite gerade passiert. Nicht aufgrund höherer Mächte oder Wodkaresten in meinem Körper, sondern, weil ich genau das all die Jahre davor, zu genau dieser Zeit gemacht habe. Und es war genau das Gegenteil zu dem Bild was sich mir bot. Sommersonne statt Schnee. Strand statt Straßenabahn. Pazifik statt Häusermeer. Und Frische Luft statt Schwefelduft.
Aber auch die regelmäßige Korrespondenz mit der Heimat führt irgendwann zu einer interessanten Wahrnehmung für Sonntagabende die es so woanders noch gar nicht gibt. Frühlingsgefühle in der Herbstsonne, weil man gerade über Reisepläne für den anstehenden Besuch der Zurückgebliebenen gesprochen hat. Und wie oben erwähnt wusste ich schon vorher, dass die Sonne sowohl im Herbst als auch im Frühling die gleiche ist und das was sie in unserm Inneren anstellt auch aus unserm Inneren kommt, aber interessant es auch mal zu direkt spüren.


~ Abschließende Worte ~


Diese Reise in eine neue Welt, in der ich nicht mehr nur als Gast verweile, ist wohl etwas das man nur schwerlich vermitteln kann mit diesen meinen Worten. Aber dennoch hoffe ich, meine Leserschaft kann sich zumindest ein Bild aus allen meinen Anekdoten zusammen basteln - jeder sein eignes für sich selbst in seinem Kopf.
Für mich war und ist es die wohl größte und spannenste Unternehmung bisher. Und damit ist mir auch gleichzeitig das Gelungen, wofür manch einer seine ersten fünf Leben benötigt - das erste Lebensziel erreicht. Ob das nun uneingeschränkt gut ist, ist schwer zu sagen, da es ja bekanntlich besser ist hoffnungsvoll zu reisen, als anzukommen. Aber dann kann man sich ja einfach wieder auf die Reise machen. Allerdings erstmal ausschlafen, morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Einfach war es auch, zumindest den ersten Schritt zu wagen, wenn man dem Motto der großen Literaten Icke & Er folgt: "Mach et einfach." Wenn es auch nicht jedermans Sache sein mag, aber denjenigen die auch schon mit diesem Gedanken gespielt haben oder für die es ebenfalls ein lang gehegter Traum ist, ist es definitiv ans Herz zu legen. Erwähnen muss ich wohl nicht, dass es nicht eignet um zu flüchten, da man sich ja selber mitnimmt und wie schon eingangs erwähnt man selbst immer nur man selbst bleibt. So man aber seinen Horizont erweitern will, ist eine Reise diesen Umfanges wohl eine der besten Möglichkeiten eben dies zu tun.

Werte Leser, ich sehe es ist schon spät. Die Glut hat die letzten Scheite bereits in Gänze durchzogen. Ich werde also alsbald ins Land der Träume eintauchen und ihr müsst wohl bald aufstehen und endlich mal zur Arbeit.

Und so, in Anlehnung an einen alten Freund, schließe ich nun meine Erzählungen mit den Worten des Reisenden zwischen den Welten:


Ich werd hier weiter Abenteuer finden,
Auf Hermes Wink nicht rasten und nicht ruh'n,
Wenn wir uns drüben wieder binden,
Will ich mit Euch das gleiche tun.

28 Mai 2017

Home Brewing - So, jetzt mal Butter bei die Fische

Endlich is Herbst und damit wieder Brausaison. Im Südwinter 2016 hatte ich ja erstmal angefangen mit Malzsirup Bier zu brauen [wer das besoffen gelesen hat und deshalb schon wieder alles vergessen, siehe hier]. Der letzte Brau [wie sagt man auf deutsch?] war dann sogar nach deutschem Reinheitsgebot. Böhmisch-Pils-Stammwürze mit reinem Gerstenmalzhefefutter. Und dann bei einigen Flaschen nach der Abfüllung die Monosaccharosebonbons zur Nachgärung weggelassen - damit waren die zwar schal wie Sternie 3 Minuten nach'm öffnen aber immerhin habe ich mein erstes Bier nach deutschen Reinheitsgebot gebraut. Im übrigen zum 500. Geburtstag von Selbigen [1516 - 2016].

War ja alles ganz schön, man kommt schnell und billig zu guten Erfolgen mit dem Sirup. Was dabei rauskommt, kann man auch trinken und macht lustig. Aber jetzt isses mal Zeit für echtes Brauen - sprich selber Würze kochen. Um Kosten und Equipment zu sparen, habe ich mich für BIAB entschieden. BIAB heißt auf deutsch "Brau In Ainem Beutel" und man kann damit alles in einem Topf machen und spart sich den sogenannten Maischbottich in dem normalerweise das Gerstenmalz rausgefiltert wird... so viel zur Theorie [Randnotiz, falls hier Brauer mitlesen, nich schimpfen, dass ich hier vieles vereinfache oder nicht mit Fachbegriffen benenne, aber dann versteht der normalsterbliche Leser vermutlich nur noch Bahnhof]

Der Brautag beginnt früh morgens um 13:00 mit nochmal über alles belesen, planen, Notizen machen, etc...


Der aufmerksame Leser wird gemerkt haben, dass inzwischen auch schon eine Menge Zeugs dazu gekommen is... aber auch die Brauzutaten sind jetzt etwas näher an dem was man bei einem Brauer zu finden gedenkt...


Das große silberne Paket is die Gerste, die beiden kleinen silbernen Pakete sind 2 Sorten Hopfen, die Backpulvertütchen sind die Hefe... Die weiße Plastedose links hat nix damit zu tun, das is einfach Desinfektionsmittel...

Dann geht's daran das ganze Equipment zusammen sammeln, damit man nich, wenn's dann mal schnell gehn muss, plötzlich losrennen und suchen muss...


...die Sprühflasche is Desinfektionsmittel, was man nicht abspühlen muss. Und auch in dem Behälter mit dem Rührlöffel, Thermometer und Hydrometer is Desinfektionsmittel. Grade gegen Ende nach dem Kochen der Würze und beim Umfüllen in den Gärbehälter sind Fremdbakterien außer der Hefe eine große Gefahr für's Bier. Also vorm Brauen Küche und Bad putzen und alles desinfizieren und auch die ganze Zeit beim brauen immer drauf achten dass kein Fremdbakterientsunami über den leckeren Gerstenjungsaft herfällt.

Die Alufolie auf dem Herd is um den Herd vor der klebrigen Würze zu schützen, falls man da was verkleckert... soll eine ziemlich leidige Arbeit sein das vom Herd abzubekommen


Das Handtuch am Herdgriff is übrigens auch nur zum Brauen und wird vorm nächsten Mal auch ausgekocht. Das is jetz keine Paranoia oder so aber das is das einzige wo sich einmal alle Homebrewer im Internet und in der realen Welt einig sind: Sterile Utensilien und saubere Arbeitsumgebung sind mit Abstand das Wichtigste neben den Temperaturen beim Würze kochen und fermentieren - da geht am meisten schief. Also auch das ganze Equipment desinfizieren...


Wer sich wundert wozu man ein löchriges Kuchenblech braucht... nun, damit macht man im Brautopf einen doppelten Boden...


...damit die Gerste später nicht am Boden des Topfes anbrennt.

So endlich kann es mit dem eigentlichen Brauen losgehen. Ich bin es ja inzwischen gewöhnt, das der oberste Brauleiter immer mit einer fadenscheinigen Ausrede verschwindet, wenn's ans Putzen und sauber machen geht. Also gehe ich ihn holen... Er sitzt im Wohnzimmer und meint nur ich solle schonmal anfangen mit dem Brauen, er würde nur noch schnell eine Hopfenzigarette rauchen, damit er dann so "richtig chillig den Brew managen kann, Alter"...


Hmmm, denk ich mir, nun gut seine Sache. Fang ich eben schonmal an. Erstmal 32 Liter Wasser in den Topf schütten um am Ende hoffentlich 23 Liter Würze zu erhalten. Leider gibt es keine genauen Werte wieviel Wasser beim Brauen verloren geht, da das von zu vielen Faktoren abhängt. Also muss man das für sein Setup selber durch ausprobieren rausfinden. Und 40% Wasser mehr als die Zielmenge erschien mir ein guter Startwert.


Der oberste Brauleiter fragt ob, ich auch mal ziehen wolle, der Stoff sei echt gut... Ich lehne dankend ab. Dann stell ich den Ofen auf volle Pulle. und warte bis das Wasser 68°C erreicht hat.


Aus dem Wohnzimmer höre ich den obersten Brauleiter jetzt laut und falsch "Somewhere over the rainbow" singen. Gut, der is wohl erstmal mit sich beschäftigt.

Eigentlich hätte ich einen noch größeren Topf kaufen sollen. Der steht nur halb auf allen Kochelementen. Dafür habe ich jetzt eine richtig geile Beleuchtung, da wo der Topf nicht die Elemente berührt.


So, Wasser is heiß, jetzt wird's spannend also erstmal vernünftige PPE anlegen... Auf dem Bild sieht man leider nich, das Pantoffeln natürlich auch zur Homebrewerschutzausstattung gehören. Die Ohrenwärmer habe ich wegen dem Gesinge aus dem Wohnzimmer aufgesetzt...


So, und jetzt kommen wir zurück zum eingangs erwähnten BIAB. Dazu besorgt man sich einen übergroßen Teebeutel und macht der Gerste da rein....


..hier fast 5kg Gerste im Sack und den stellt man dann vorsichtig auf den doppelten Boden im Brautopf.


Das muss jetzt eine Stunde bei 68°C im Wasser sitzen, damit da das Malz aus der Gerste gekocht wird. Also ich erstmal außer ab und zu Temperatur messen und Herd regulieren nicht mehr viel zu tun.
Da ich schon ewig nichts mehr vom obersten Brauleiter gehört habe, sehe ich mal nach dem Rechten... Er sitzt neben einer Tüte Brauzucker und zieht sich davon was in den Schnabel. Auf meine Frage, was das jetzt bitte soll, entgegnet der oberste Brauleiter der Hopfen hätte ihn "volle Kante weggeballert - echt gut der Shit" und um wieder klarzukommen und mit helfen zu können müsse er sich erstmal einen "kleinen Muntermacher reinfahren" und wäre dann sofort zur Stelle.


Auf meine Frage, ob das nich etwas viel Brauzucker für seine Körpergröße sei, ernte ich nur einen bösen Blick. Bevor er mich runterputzen kann, was ich glaube wer ich sei und so weiter und so fort, verschwinde ich wieder in der Küche.

Dem Brau geht es gut, da 32 Liter Wasser ihre Temperatur erstaunlich lange halten.


Nach einer Stunde bei 68°C erhöhe ich die Temperatur auf 75°C und lassen nochmal 10 Minuten vergehen.


Falls ihr euch über die Kopflampe wundert. Die Skala von dem Thermometer is extremst doof zu lesen, besonders wenn das Thermometer beschlägt und sobald man es rauszieht, saust das Quecksilber nach unten... aber so ging's ganz gut.

Der oberste Brauleiter flucht aus dem Wohnzimmer laut über die Idioten von der deutschen Lebensmittelaufsichtsbehörde. Ich denke mir nur: Oh oh, jetzt geht das wieder los. Er schimpft über die Verräter an der Bierkultur und das man ja dann gleich auch Gülle als Bier verkaufen könne, wenn jetzt schon Brause aus Maisstärke anstatt Gerstenmalz als Bier in Deutschland verkauft werden darf. Wozu denn bitte sein Urururururgroßvater mit seinen Mönchkumpels das deutsche Reinheitsgebot entwickelt hätte, wenn da jetzt so'n Billigmist ins Bier kommen darf. Und alles nur wegen dieser Glutenfreiheitsarschgeigen. Sollen die halt Wein trinken... Und so weiter... Ich kenne diese Anfälle und weiß, dass ich da besser garnix zu sage.
Und ein wenig hat er ja auch recht mit seiner Kritik, allerdings ist seine Wortwahl bei dem Thema immer etwas derb. Aber eins sei dem Leser hier versprochen. Wenn ich jemals Bier nach deutschem Reinheitsgebot verspreche, dann is da wirklich auch nur Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe drin. Nix weiter. Und bis dahin müssta eben gucken, was euch da als Bier angedreht wird.
Immerhin ist der oberste Brauleiter jetzt anscheinend wacher aber eben auch nicht sonderlich hilfreich, sondern pöbelt nur Ewigkeiten rum.

So als nächstes kommt die Gerste aus dem Topf raus...


Und jetzt wird das ganze zum Kochen gebracht... Währenddessen gehe ich nochmal die nächsten Schritte durch... Bei den Hopfenzugaben ist Timing wichtig...


Achso, der hintere Kühlschrank ist übrigens extra zum Brauen angeschafft worden [ich hab ihn gratis bekommen =) ]. Das Pale Ale hatte ich ja auf einem Heizpad und bei ca. 20°C gären lassen. Aber jetzt braue ich ja Pils und das braucht 10°C zum Gären... also Kühlschrank mit Zeitschaltuhr. Und so lange nicht gebraut wird, is das unser Beer Fridge - braucht eigentlich jede WG. Und ja, der Brew-&-Beer-Fridge ist natürlich größer als der Futterkühlschrank.

Der Gerstenbeutel hängt zum Abtropfen über dem Gärbehälter und da kommen nochmal so 1 - 2 Liter Würze raus. Schön trüb.... eher wie Apfelsaft oder so...


 Der Gersterest sieht dann nicht mehr wirklich lecker aus. Soll aber angeblich super Kuhfutter sein. Allerdings gibt es relativ wenig Kühe in Auckland. Und so landet der Rest im Müll.


Kurz bevor die Würze am Kochen ist gucke ich nach dem obersten Brauleiter. Er sitzt vor der Tüte mit den Monosaccharosebonbons. Ich gucke ihn fragend an, worauf er mich mustert und meint ich solle ma nich so blöde kiekn, der Brauzucker hätte ihn "volle Kante aggro gemacht, ey, und so kann man nich Arbeiten" und zum runterkommen will er "erstmal zwei Teile droppen". Dann wäre er sofort da.


Seufzend gehe ich zurück in die Küche... Immerhin kocht inzwischen die Würze.


Der Schaum in der Mitte, das sind ausgekochte Proteine. Das soll so. Nach 30 Minuten kochen erfolgt die erste Hopfengabe. Früher waren es Hopfenblüten. Heutzutage nutzt man meist Hopfenpellets. Einfach weil besser zu transportieren und zu handhaben.


 Nach 90 Minuten folgt die zweite Hopfengabe, der Ofen wird ausgemacht und die Würze steht 20 Minuten rum bevor sie möglichst schnell gekühlt werden muss. Dazu kommt der Topf in die Wanne - voll mit kaltem Wasser und Eisflaschen...


...allerdings speichern 32 Liter 100°C heißes Wasser doch eine Menge Hitze also muss ich nächstes Mal noch mehr Eisflaschen vorbereiten. Während des Abkühlens gucke ich nochmal nach dem obersten Brauleiter. Er sitzt auf der Couch und meint wie toll doch alles wäre und wie schön er es findet, dass ich auch vom Brauen so begeistert bin und ob wir danach noch auf'n Rave gehen...


...ich beschließe in Zukunft das ganze Zeugs wegzuschließen.

Dann wird die Würze in den Gärbehälter umgefüllt....


Allerdings komme ich auf fast 26 Liter im Gärbehälter. Also beim nächsten Mal nur 29 Liter Brauwasser nehmen. Und das Specific Gravity Reading ist auch ziemlich gering [ihr erinnert euch, das gibt an, wieviel Zucker die Würze enthält und damit auch wieviel Futter der Hefe zur Verfügung steht, was letztendlich den Alkoholgehalt des fertigen Bier bestimmt]. Also wird das Bier wohl eher ein leichtes werden.


Auf dem Boden des Topfes hat sich ordentlich Gerstenzeugs und Hopfenzeugs abgesetzt... Im innern des doppelten Boden ca. 3cm hoch


Der schwarze Rand sind die Reste der Proteine die beim Kochen oben aufgeschwommen sind. Also auch normal. Weil die müssen aus der Würze raus. Weil ... ähm... also, das muss so, weil wegen dem Geschmack, denn sonst... ach, fragt doch den obersten Brauleiter, wenn er wieder nüchtern is.



Dann Hefe in die Würze streuen, Deckel druff uffn Fermentor und ab in Kühlschrank.
 

Die Tage ziehen ins Land und das Bier fängt an vor sich hin zu fermentieren. Viele kleine Hefebakterien futtern den Zucker aus dem Gerstenmalz. Und weil es ihnen so super geht in der Zuckerbrühe, machen sie unzüchtige Sachen im Jungbier und werden immer mehr. Aber nicht nur, dass sie im zukünftigen Flüssigbrot weltlichen Freuden nachgehen, nein, der ganze Zucker den Freund Hefebakterium da mampft muss ja auch irgendwann irgendwo hin. Und da ihnen keiner beigeracht hat Latrinen zu buddeln machen sie das einfach mitten in ihrer großen Wohnung....



... man sieht, dass es den Hefen gut geht, wenn sich oben Krausen bildet. Das is der weiße Schaum, der da zwischen dem grünen Aufschwimmsubstrat hochblubbert. Ich habe keinen Plan ob das im Deutschen auch Krausen heißt, aber im Englischen heißt es so - und "Krausen" klingt ja wohl mal wie ein Engländer der deutsch Sprechen will, ohen es je gelernt zu haben. Generell sind recht viele Worte im Brauerenglisch deutsch oder deutschen Ursprungs.

Wer sich jetzt übrigens dachte, na bestimmt wird das Hefenpfupfui am Ende rausgefiltert, der hat im Chemieunterricht in der wichtigsten Stunde nicht aufgepasst: Das Defäkationsprodukt is das, was uns am Ende lustig macht und mit überhöhter Geschwindigkeit in die Leitplanke fahren lässt, weil wir der Meinung waren ja noch fahren zu können.
Und weil die kleinen Einzeller alle Rohstoffe aufbrauchen, sich unkontrolliert vermehren und ihre ganze schöne Umwelt mit ihrem Abfall versauen, sterben sie irgendwann. Sind eben nicht so klug wie wir Menschen.

Nach drei Wochen ist es dann so weit: Abfülltag...



Nachdem der oberste Brauleiter nach seinen Eskapaden am Brautag erstmal 2 Tage auskoman musste, war ihm dann die ganze Sache doch ziemlich peinlich. Und so gab's am Bottling-Day ordentlich Frühstück ans Bett... Das leckerste, was er auftreiben konnte. Nur das beste vom besten für mich... stimmt wohl, kann ich ihm nicht absprechen, aber wenn ihr mal bei Wikipedia guckt, was Kiwis so auf ihrem Speiseplan haben, werdet ihr sehen, dass man sich da erstmal dran gewöhnen muss. Naja, der Wille zählt... und während ich das NZ-Breakfast noch verzehre, räumt er schonmal die Crates in die Küche. Crates sind die hiesigen Bierkästen... mit 0,75l Flaschen... dafür leider nur 12 pro Kasten.


Aber nicht nur das, er putzt und desinfiziert die Flaschen sogar. Gott muss der Arme ein schlechtes Gewissen haben. Aber recht so, ich gönne mir erstmal einen Kaffee - er kann schließlich auch mal was tun.




Auf dem Foto seht ihr die erste [links] und die letzte [rechts] Flasche von der Abfüllung [sind beide Plaste, weil ich noch nicht genug Glas habe]. Hier sieht man einen kleinen Nachteil von BIAB: Es kommt doch eine Menge Sediment mit ins Bier. Is nich schlimm, setzt sich ab, aber sieht eben unschön aus und man muss beim eingießen aufpassen.... Anmerkung: Da das Sediment sich unten absetzt und das Bier von unten abgefüllt wird, is da nur in den ersten paar Flaschen Sediment mit drinne, der Rest ist so schön golden wie die Pulle rechts.


Der Eifer der obersten Brauleiters kennt kaum Grenzen. Allerdings beim Kronkorken aufs Bier machen muss er dann doch klein beigeben - Arme zu kurz. Also helfe ich mit...


Hier seht ihr auch endlich mal die volle Schutzmontur eines Braumeisters: Dödelhose und Pantoffeln.


Tadaaaaa.... Meine ersten beiden "echten" Kästen mit "echtem" Bier... Nur immernoch nich nach deutschem Reinheitsgebot - das kommt dann demnächst...


Da das Abfüllen am Vormittag erledigt war, habe ich mich am Nachmittag gleich an den nächsten Brau gemacht. Tschechisches Pilsner... Und diesmal schon etwas mehr Basic: Nur frisch gemahlene Gerste, Hopfen, Hefe und ein Zettel mit ein paar Notizen zum Rezept... Schritt für Schritt Richtung Braukaiser von Neuseeland.

Notiz an mich selbst: 29l im Topf ergibt 22l im Fermentor.